Sie bewegen sich unbeholfen durch die Flure und Zimmer ihres Hauses. Murmeln ihre ständig kreisenden Gedanken laut vor sich hin, versunken in Alltäglichkeit. Ihre Stimmen sind verzerrt, so wie ihre Gesichter und ihr Denken verzerrt sind, Gefangene und Tote in der eigenen Welt. Das Leben war nicht gut zu ihnen. Sie haben am eigenen Leib erfahren müssen: Wer Unrecht tut, wird bestraft. Das Gesetz kennt keine Ausnahme und die Inszenierung „John Gabriel Borkman“ von Vegard Vinge und Ida Müller im Prater auch nicht. Mit einer bewundernswerten Konsequenz und Ausdauer ergießen sich Bühne, Darsteller und Sound in hohen Wellen über die Zuschauer.
Doch von Beginn: Der ehemalige Bankdirektor John Gabriel Borkman verbrachte wegen Unterschlagung acht Jahre im Gefängnis. Borkman und seine Frau Gunhild leiden schwer unter dieser Schande und leben nun im Haus von Gunhilds todkranker Zwillingsschwester Ella. Eigentlich wollte Borkman in jungen Jahren Ella heiraten, doch er entschied sich gegen die Liebe und für die Karriere. Ella läßt ihn ihre Enttäuschung schmerzlich spüren, genauso wie Gunhild, die merkt dass sie die ungeliebte zweite Wahl ist. Nur der Sohn Erhart bringt ein wenig Hoffnung in die Familie. Auf seinen Schultern lastet die Rettung der Familienehre. Jeder der drei Erwachsenen projiziert seine Erwartung auf den Jungen, welcher mit kindlicher Weisheit protestiert: „Mutter, vergiss bitte nicht, einen eigenen Willen durfte ich niemals haben.“ Die Charaktere, Alptraumfiguren von Horrorfilm-Gnaden, sind holzschnittartig angelegt. Viel gesprochen wird nicht, dafür aber viel agiert. Die meiste Zeit herrschen Krieg und Gewalt in ihrer Welt. Dabei changieren sie zwischen Beteiligung, Opferrolle oder stumme Zuschauer. Literweise fließt das Blut und ohrenbetäubend hallen die Schüsse durch die Comic-Kulisse. Der Krieg von Außen ist aber nicht der Krieg in ihrem Innern. Da leitet die Inszenierung fehl, denn alle körperlichen Schmerzen sind kein Vergleich zu dem nicht-gelebten Leben. Ändern können es Borkman und seine Frauen nicht, denn dazu müssten sie sich selbst ändern, ja sich selbst und gegenseitig verzeihen. Dieses Bühnenbild ist im wahrsten Sinne ein Bild, denn es entfaltet beim Zuschauen eine geradezu hypnotische Wirkung. Über drei Stockwerke dehnen sich Straße, Vorgarten, Kinderzimmer, Küche und Dachboden. Es gibt so viele Räume mit den verschiedensten Funktionen, dass man allein um diese zu entdecken schon mehrere Stunden benötigt. Das Haus ist in seinem Detailreichtum geradezu naturalistisch, von der Lidl-Tüte, über die Cornflakes-Packung, Zeitmaschine und Spielkonsole ist alles aus Pappe und in 2D nachgebaut. Die maskierten Figuren wanken in Zeitlupe als stereotype und alptraumhafte Abziehbilder durch das Haus und durch ihr Leben. Alles ist erstmal nur Zeichen. Es gibt hier keine Realität der Bühne und auch keinen Realismus der Darstellung. Jedes Geräusch wird künstlich erzeugt und jede Bewegung live synchronisiert. Dabei beweisen die Regisseure große Musikalität, allein die Schritt-Geräusche der einzelnen Figuren bilden jede für sich eigene Rhythmusfiguren. Zusammengenommen spielen sie ihre Sinfonie der Dissonanz. Die gesprochenen Monologe kommen dabei verzerrt vom Band. Jede Szene, jede Situation kostet Mühe und Kraft. Unter alldem liegt eine kontinuierliche Geräuschkulisse aus Filmmusik, Popsongs und Maschinengewehrsalven. Zwischendrin agieren die Macher und buchstabieren das gesamte Alphabet der Regietheater-Amokläufe durch. Vom Statisten-Massaker, über das Einführen von Farbe und das Ausscheiden eben dieser über einer weißen Leinwand wird nichts ausgelassen. Kunstkritik? Wer weiß! Letztlich hat man von allen Blut, Pisse, Wichs-Aktionen schon gehört, sie auf der Bühne aber noch nie gesehen. Und doch entlockt es einem wenig mehr als ein freundliches: Ahja!
Umso stärker wirkt die große Zeit, welche jedem Gedanken und jedem Satz eingeräumt wird. Das immerwährende Wiederholen von Kerngedanken wie „Leben ist Arbeit!“ und „Schande! Schande! Ich kann es nicht fassen!“ aktivieren die eigene Assoziationsmaschinerie. Jeder Gedanke lässt sich ausführlich weiterdenken und in alle Richtungen verlängern. Mit großer Gelassenheit und Satz für Satz wird Ibsens Drama erzählt. Die Regisseure haben für ihr "Prater-Theater" die Geschichte runtergedampft auf die Essenz, verlängert ins Unendliche und werden dabei nie, niemals langweilig. Das ist große Kunst! Als Zuschauer hat man die Chance sich über mindestens neun Stunden in aller Ruhe auf diesen Alptraum einzulassen. Man teilt spürbar Lebenszeit miteinander, ohne die Angst etwas zu verpassen. Ein seltenes Erlebnis heutzutage. Gleichzeitig schwebt über allem die Gefahr, dass jeden Moment etwas Unvorhergesehenes passieren könnte. Jede Bewegung, jedes Rascheln und jedes Flüstern wird genauestens registriert. Zum einen ist da die Angst, irgendwann allein im Zuschauerraum zurück zu bleiben, zum anderen schwebt man in der ständigen Bedrohung, selbst hier nicht wirklich sicher vor den Darstellern zu sein. Aber bis auf blutige Puppenköpfe und Chipstüten fliegt nichts ins Publikum. Ein gelungenes Spektakel, das hierzulande sein Gleiches sucht. Zehn Stunden Ibsen sind keine verlorenen Stunden, im Prater erweisen sie sich als kostbare Zeit für Gedanken.
Weitere Vorstellungen am 11., 13., 18., 20., 25., 27. November.
Weitere Informationen unter www.volksbuehne-berlin.de
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über den Autor
Hannes Oppermann studierte Theater und Musik in Hildesheim und ist als Regisseur, Dramaturg, Performer und Produktionsleiter tätig.
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