Das Einzige, was mir und dir bleibt, ist die Erinnerung. Die Erinnerung an eine Zeit, in der es keine Posts, sondern noch Poster gab. Eine Zeit, in der man die Freunde noch angetroffen und nicht angechattet hat. Die Erinnerung an eine Pubertät aus den 90’ern:
Ein Geständnis
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Als ich in einem Alter war, in dem ich mich noch für den Begriff Berühmtheit ernsthaft interessiert habe, war dies der Inbegriff eines besseren Lebens. Neben E.T., Meg Ryan, Thomas Gottschalk, Otto und dem Landarzt galten auch die Backstreet Boys, Caught in The Act und Take That als berühmt. Boybands waren neben sauber geleckten deutschen Unterhaltern Teil der sexuellen Weiterentwicklung kleiner Mädchen. Irgendwie liebte man Thomas Gottschalk für seine väterliche Anmoderation, E.T. für seine zarten Fingerchen und die Boybands für ihre Boys. Sie waren zu der Zeit, in der ich mich musikalisch sozialisieren wollte, auf den hochfrequentierten Musikkanälen singend, tanzend und schmachtend anzutreffen. (Falls sich jemand nicht mehr erinnern sollte: Das waren die Sender auf den Kanälen 22 und 23, die Minderjährigen für ihr erstes Handy, das so groß wie eine Telefonzelle war, ein Jamba-Monats-Paket verkaufen wollten.) Ich hätte jetzt gerne geschrieben: die Beatles, die Rolling Stones und die Doors waren zu meiner Zeit alle heiß und begehrt, aber ich bin leider das traurige Kind der Mittachtziger, das Mitte der 90er angefangen hat, Musik zu hören. Und zwar nicht die alten Platten der Eltern - die hatten nämlich keine. Ich habe die Charts rauf und runter gehört. Ich lasse keinen Zweifel daran: Ich stehe dazu. Zumindest jetzt, mit fast dreißig gestehe ich mir ohne rot zu werden ein, dass ich ein kleines, prolliges, dickliches Mädchen mit weder Ahnung noch Geschmack war. Auf den Radiosendern, die ich hörte, folgte auf den Coco Jambo die Macarena und samstagsabends durfte ich zwar nicht raus, dafür aber im Herzen ganz wild zu Whighfields Saturday Night abgehen.
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Der CD-Schrank meiner West-Eltern befand sich im selben Möbelstück wie die Schnapsbar. Heute verstehe ich den engen Zusammenhang. Neben Nicole und ihrer weltbewegenden Gewinner-Grand-Prix-Ein-bisschen-Friede-Freude-Single befand sich dort nämlich auch noch die neuste Scheibe von David Hasselhoff, direkt hinter Queen und natürlich Phil Collins mit und ohne Genesis, der sich eng an die "Best Of Abba"- Scheibe drückte. Hab ich auf jeden Fall auch mal reingehört, aber meine Leidenschaft galt den Gesichtern, die auf Postern mein Zimmer schmückten. Ich verschönige meine Erinnerung, auch das soll nicht verschwiegen werden, denn wahrscheinlich war ich nicht erst zehn, sondern schon älter und hätte längst schon eine Art Geschmack, für den man sich nicht schämen muss, ausprägen können.
Eines weiß ich allerdings noch ganz genau: Alles begann mit der „Bravo Hits Best Of 94“, ziemlich großen, nicht zugeschnürten, dafür aber stinkenden Niketurnschuhen und einer hellblauen Levis Jeans. Meine Tapete, ehemals Raufaser, wurde zur „Blendaxlächel“-Faser. Ich lebte sogar noch in der Zeit, in der die Menschen meist angezogen waren und wenn sie Haut zeigten, dann war dies meist männliche, die vorher in einen Öleimer geschmissen wurde. Genau darauf stand ich. Muskeln und Öl an Männern, die sich eine Choreografie merken konnten und Lieder über Liebe mit drei Zeilen und zwei Akkorden sangen. Manchmal höre ich mich noch sagen: „Am liebsten mag ich Balladen“.
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Es gibt eine weitere prägende, hochpubertäre Erinnerung, an die ich mich hätte halten sollen und mein Leben wäre erfolgreicher verlaufen: Ich unterstand einer peniblen Ordentlichkeit. Nicht im Aufräumen meines Zimmers, sondern im Sammeln eines jeden wichtigen Zeitungsbildes oder Artikels, in dem eine meiner zahlreichen Lieblingsboygroups zu sehen war. Es reichte nicht, die Interviews zu lesen, sie mussten archiviert werden für die pubertäre Ewigkeit. Wenn man einmal angefangen hatte, eines der metrosexuellen Boygroupmembers zu lieben, übertrug sich das Liebesschema schneller als man die Choreografie nachtanzen konnte auf die anderen Brians, Howards, Nicks und Bens. Ich vertrieb mir meine manuell gestaltete Jugend also mit dem Ausschneiden der Artikel und Fetzen aus Zeitungen, die ich im nächsten Schritt lochte und in einen der vollen Ordner heftete. Fan sein hieß, alles aufzubewahren. Fan sein hieß treu sein. Fan sein hieß, T-Shirts mit Schriftzügen und Gesichtern der angebeteten Objekte drauf zu tragen, die wegen der schlechten Qualität nur selten gewaschen werden durften. Fan sein hieß, Autogramme in Warenhäusern zu ergattern. Zu Ben, aus einer der schon erwähnten Bands, empfand ich nach Jahren des Fantums eine so tiefe Verbundenheit, dass ich ihn hätte meine erste Beziehung nennen können. Das Leben zeigte mir im weiteren Verlauf: bedingungsloser geht’s nicht.
Nun frage ich mich noch heute, wie meine Mutter die ganzen Schundblätter, die es neben der Bravo noch gab, finanziert hat. Meine katholische Erziehung, die sich auf der katholischen Grundschule, die ich besuchte fortsetzte, hätte mich natürlich lieber Bibel als Bravo lesen sehen und eines Tages, eines Donnerstages - das war der Erscheinungstag der Bravo - war es soweit. Meine Mutter wurde zum Gespräch geladen, weil ich in einer der großen Pausen nicht wie die anderen Kinder an den Kletterstangen hing, sondern an einem kleinen Kakaotütchen nuckelnd in der Bravo las. Meine Mutter verteidigte mich, dafür liebe ich sie noch heute. Die Bravo war die Muttermilch der Pubertät. Ich habe lange in der Bibel zur Strafe blättern müssen vor den Augen meiner Lehrerin, jedoch fand ich nie den Psalmen, in dem stand, dass ich mich nicht über Sex und Sternchen informieren dürfe. Meine Strafe wurde gemildert, als ich verriet, dass ich ja auch irgendwie ein großer Fan von Gott sei. Deshalb studiere ich heute auch Theologie und sammele alle wissenschaftlichen Texte, die es über Gott zu lesen gibt.
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Und trotzdem fehlt etwas. Mir fehlt meine Pubertät. Nie wieder kam das Gefühl zurück, dass mir schon vor dem Wachwerden sagte: „Heute ist Donnerstag, heute gibt’s die neue Bravo!“ Oder: „Heute ist Freitag, heute kommt die neue Platte von den Backstreet Boys raus!“ Nie wieder habe ich mich einer einzigen Sache wie dem Fan sein so leidenschaftlich und kompromisslos gewidmet. Nie mehr hatte ich so viele Bilder an den Wänden, die Phantasien jugendlicher Unschuldigkeit in mir hervorgerufen haben. Nie wieder konnte ich so viele von Liebe und Romantik durchtränkte Liedtexte auswendig. Und nie mehr ging mir ein Liebesgeständnis so leichtfertig von den Lippen.
Dafür gehe ich heute manchmal wieder an den CDschrank meiner Eltern, der mittlerweile direkt neben der Plattensammlung steht, die ich in meinem jugendlichen Leichtsinn übersehen habe, schmuggele die „Best Of Abba“-Scheibe mit nach Hause und freue mich, dass ich damals wenigstens keinen meiner pubertären Ausbrüche bei Facebook posten konnte. Das alles blieben Geheimnisse zwischen mir und den Traummännern meiner Jugend. Pubertät, I want you back for good!
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