WARUM JETZT ALLE FLUGLOTSE WERDEN
Die guten Vorsätze sind das erste, was kurz nach dem Jahreswechsel in Kraft tritt. Da ich mich sehr gerne an eigene, selbstformulierte Gesetze halte, habe ich mir für die in diesem Jahr erscheinenden zwölf Texte in der Rubrik „Endabrechnung“ zwölf Vorsätze formuliert, die, wenn ich ihnen treu bleibe, mein Gewissen stärken und die Chance erhöhen, in den Himmel zu kommen. Meine persönlichen Vorsätze sind daher für dieses Jahr gestrichen. Die folgenden Zeilen stehen unter dem ersten Vorsatz des Jahres 2012: Auch mal ernst bleiben, wenn’s um etwas Ernstes geht.
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Die Weihnachtstage offenbaren jedes Jahr wieder, dass der Umgang, den man mit Freunden und Bekannten pflegt nicht derselbe ist, den man mit seiner Familie pflegen darf. Das ist sehr gefährlich. Meist hat man noch zum Frühstück mit einer Freundin am Tisch gesessen, sich zwischen zwei Käsesorten und einer Wurst, 3 Kannen Kaffee und einer Schachtel Zigaretten über das unterhalten, was einen wirklich bewegt: Über Beziehungen, Jobs und Beziehungen. Es geht darum, was man in der letzten Woche erlebt hat, man lästert über andere und lobt sich und seinen unvollkommenen und missratenen Lebenslauf, der vielleicht noch zu etwas führen wird. Dann öffnet man eine Flasche Sekt und prostet auf das Glück so frei und gut zu Leben an. In beschwippster Laune und mit einem großen Koffer setzt man sich in den Zug oder die Mitfahrgelegenheit und fährt gen Heimat. An den Ort, an dem man wieder Kind sein kann. An den Ort, den man früher oder später wieder verlassen will, auch wenn die Wäsche noch nicht ganz trocken und der Braten noch nicht ganz verdaut ist. Wie es so ist, geprägt von dem Glauben, dass man alles richtig gemacht hat und Unterstützung von allen Seiten bekommen würde, wenn dem mal nicht so ist, sozusagen selbstbewusst, übertritt man die Türschwelle seiner Vergangenheit und irgendetwas ist plötzlich anders.
Irgendwie beginne ich mich dafür zu schämen, dass ich keine ordentliche Hose, dafür aber eine Leggins mit Loch trage. Danach versuche ich meine Haare hinters Ohr zu streichen damit sie mir nicht mehr ins Gesicht fallen. Meine Schuhe lasse ich lieber gleich an, darunter verbergen sich Socken mit Loch. Und wenn ich beginne über meinen beruflichen Werdegang zu reden, dann hat sich die angenehme Trunkenheit, mit der ich ankam, verabschiedet. Es ist wieder soweit: Verhör. Der Richter und die Richterin teilen sich den Urteilsthron und die Staatsanwälte freuen sich, dass sie nicht selber auf der Anklagebank sitzen. Der eine aus der Familie fragt, ob er was aus der Küche mitbringen soll, der andere verabschiedet sich aufs Klo, manchmal wird aber auch nur verstohlen nach unten auf den Teller, der immer leerer wird, mit immer zufriedenerem Gesicht geguckt. Duckhaltung, bevor man selber dran ist, zumindest unter den Jüngeren. Die Älteren mischen sich manchmal mit einer verständnisvollen Frage ein, versuchen den Angeklagten zu verstehen.
Ich wiederhole oft, dass die Welt heut anders ist und trinke dabei mehr als noch am Frühstückstisch. Komisch, warum freut sich denn keiner darüber dass ich noch kein Geld verdiene, dafür aber in der Zukunft noch Ungewisses, vielleicht ja sogar Großes, vor habe? Ach ja, Geld. Stimmt, ich krieg zu wenig Geld. Ja, ist nicht angemessen. Ich sag’s nochmal, die Welt von heute. Ja, ich hätte gerne mehr Geld, nein, Ausbildung ist jetzt zu spät. Stimmt, habt ihr mir schon früher gesagt. Ne, nicht böse gemeint. Ihr meint nur so, wegen der Rente. Ja, da kümmere ich mich dann drum. Andere machen das auch. Ne, auch nicht mehr Geld. Ja, schon so 10 Stunden. Auch beim Praktikum. Ne, Steuerklärung hab ich noch nicht gemacht. Ja, stimmt, müsste man mal was sagen. Festanstellung gibt’s glaub ich nicht mehr. Ne, wär schon besser. Höchstens zwei Jahre. Ja, die arbeitet auch, vorher, klar Praktikum. Was anderes machen? Ja vielleicht, Lehrerin. Guck ich mal. Noch ein halbes Jahr, kann ich verlängern. Ne, ne, schon das Praktikum. Zum Chef direkt, habt ihr Recht. Mach ich dann. Doch doch, bringt Spaß, ich sag ja, die Welt heute ist anders. In einem Jahr? Da guck ich dann. Ja, Geld gibt’s dann nicht mehr. Wie auch. Ja muss man gucken.
Und dann sind die Teller leer und der ein oder andere räumt ab. Ich nicht, ich bin ja zu Hause. Ich trink noch einen Schluck aus der fast leeren Flasche. Ist ja auch nicht schlimm, gibt im Keller noch mehr und der Nachtisch wird kredenzt. Dann wird wieder gelacht, über alte Zeiten geredet, der Familienclown reißt Witze, die Oma beginnt zu stricken und wenn man sich nichts mehr zu erzählen hat, kann man ja auch die Musik lauter oder den Fernseher an machen. Alles wieder gut. Alltag beim Feste.
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Ich schnappe mir den Jüngsten am Tisch und rauch ihm auf er Terrasse eine Zigarette vor. In Rauch und Dunkelheit gehüllt frag ich ihn ganz direkt, was er werden will, wenn er mit der Schule fertig ist. Fluglotse, ist die Antwort, die wie aus einem Getriebe geschossen kommt. Fluglotse will er werden, das ist ein sicherer Job und da bekommt man viel Geld. Man hat dann ja auch mal frei und verdient schon im ersten Lehrjahr viel Geld. Ich frag ihn ob er sich da sicher ist, wegen des frühen Aufstehens und der immensen Verantwortung. Ja, sagt er, für seine Traum Rennfahrer zu werden ist er mit fast 16 schon viel zu alt. Stimmt, unterstütze ich ihn, weil ich ihn nicht vom Hockenheimring aufkratzen und neben Michael Schumacher beerdigen möchte. Echte Karrieren fangen schließlich mit 4 Jahren oder etwas früher an. Deshalb muss Plan B her, aber der bringt ihm auch Spaß. Fluglotse, ist ein super Job.
Rennfahrer – ich sehe ihn auf einem Motorrad an mir vorbei fahren, während ich genüsslich die PS Zahl meines Mopeds ausreize, zwischendurch sogar noch ein Foto von der Umgebung knippse. Wir leben in einer Zeit, in der der Jakobsweg nicht mehr zu Fuß erkundet, sondern im Cabrio erfahren wird. Ich werde sehr pathetisch, wegen des Alkohols und der Auswegslosigkeit und versuche mich vor ihm dafür zu rechtfertigen, dass ichs lieber mit Kunst, Kultur und so versuche. Auch wenn er sich, wohlerzogen wie er ist, nicht traut, aber innerlich zeigt er mir einen Vogel. Er lächelt mich nicht an, sondern aus. Und er wird für meine Rente aufkommen müssen, wir sind schließlich eine Familie. Als wir wieder reinkommen, sind alle schon ins Bett gegangen. Der Jüngste ist auch lieber vernünftig, haben morgen ja noch viel vor. Ich hol mir noch eine Flasche Wein und frag mich, warum mich niemand nach Rat fragt. Wahrscheinlich weil ich in den meisten Dingen eher ratlos wirke.
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Bevor ich einschlafe erprobe ich noch den persönlichen Weltuntergang. Alle werden Fluglotse, die Welt verliert ihr Gleichgewicht und alles hat ein Ende. Danach werde ich, so Steven Spielberg mäßig, auf einer Arche wach, schippere in die Ödnis, um am Ende der Dunkelheit den Lichtschimmer zu erblicken und dem Überlebenstrieb nachzueifern.... Was einen nach der Apokalypse erwartet ist zwar auch nicht viel spannender, die Familie vor allem nicht verständnisvoller, aber darum geht’s vielleicht auch gar nicht. Es geht darum Geld zu verdienen. Es geht um Jobs, in denen es Gewerkschaften gibt und die einem nicht nur das Überleben sondern auch den Luxus sichern. Es geht ums Arbeiten. Das tue ich gerade nicht, aber irgendwann, wenn es keine Praktika, sondern nur noch Festanstellungen im Kulturgewerbe gibt, dann trau ich mich nochmal runter von der Arche der Jugend und werde meinem Alter angemessen leben. Aber bis dahin schippere ich weiter in den von mir früher so verhassten Bibliotheken und Vorlesungssälen vor mich hin und schaue mich um, ob es irgendwo etwas gibt, was ich noch machen möchte außer meinen missratenen Lebenslauf zu huldigen und mich meinem apokalyptischen Gemüt hinzugeben. Wären nicht alle Fluglotsen geworden, man hätte die Welt noch in die richtige Richtung lotsen können.
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