Es weihnachtet auf den Straßen um den Alexanderplatz und um das Opernpalais so aufdringlich, dass ich keine andere Wahl habe als in freudiger Erwartung auf die Ankunft des Christkindes alles was ich sehe und höre ebenso freudig zu verstehen. Zudem treibt mich der Thomanerkinderchor mit seinen Gesängen hemmungslos in winterliche jahresabschieds Gefühle. Lieblich und wohlgesonnen, beleuchtet und fröhlich. So geht es sensiblen Konsumopfern eben zur Zeit. Zudem bin ich auch noch katholisch und glaub an die ganze Geschichte mit der Geburt und dem Stall. Das ist Weihnachten in seiner herkömmlichen Qualität für mich. Schwermütig werde ich jedoch, wenn ich an die zahlreichen Rücktritte des vergangenen Jahres denken muss. Und wann, wenn nicht jetzt, sollte man der heldenhaften Taten der letzten zwölf Monate gedenken?
Wie sagt der gemeine Volksmund so schön? „Wenn sich eine Tür schließt, dann öffnet sich eine andere.“ Davon abgesehen, dass sich meist die neue Tür nicht so einfach öffnen lässt, wie sich die alte geschlossen hat, ist an diesem Sprichwort wahrhaftig etwas dran. Warum macht man nicht einfach mal eine Tür hinter sich zu?
Bis zum 24. Dezember öffnet man in der Regel, wenn man aus einem guten Haushalt kommt, die Türen des Adventskalenders, kurz darauf soll man das dicke Tor des hinter sich liegenden Jahres schließen. Es gibt ein paar Experten, die haben das einfach schon mal vor dem 31. Dezember erledigt. Darum beneide ich all die Rück- und Abtreter der vergangenen zwölf Monate sehr, die ihr persönliches Silvester schon gefeiert haben und möchte sie hier noch einmal lobend erwähnen. Das alles sind Menschen, die nicht die letzten auf der Weihnachtsfeier sind und mit untragbarem Alkoholpegel und irgendeiner namenlosen Affäre die Party verlassen. Das sind Menschen, die vor dem letzten schlechten Drink die Kurve kratzen und mit Anstand und Würde das Spielfeld verlassen.
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Denken wir an den jüngsten Abzug von Christian „Bambi“ Lindner. Er wollte schnell den letzten Punkt auf seiner To-Do-Liste 2011 streichen, bevor die Raketen in die Luft gefeuert werden. Sein Vorsatz muss geheißen haben: Sinkende Boote gilt es zu verlassen. Und wenn er genauso viel übergangsversüßendes Geld wie unser Justizsenator Braun bekommt – für nur 11 Tage Amtszeit 50000 Euro – dann kann er sich schon bald ein neues kaufen. Sein Kollege Westerwelle zum Beispiel, der selbsternannte Kapitän, steuert dem Gesetz der Meere folgend, den Kahn natürlich bis zum bitteren Ende, auch wenn er sich in diesem Jahr schon auf ein sicheres Deck verabschiedet hat. Ich würde der illustren Runde, die sich im Politik machen eher weniger bewährt und sich liberale Partei auf die Hausklingel schreibt, raten, einfach mal die Tür der Parteizentrale ganz zu schließen und den Schlüssel an ein paar Mittehipster zu geben, die sich daraus einen neuen innovativen Wohnsitz basteln und damit einen neuen Trend Berliner Wohnkultur schaffen können.
Einen weiteren sehr bedauerlichen Rücktritt hinter die Kulissen der Showbühne hat unser Familienfernsehabend rettender Held Thomas Gottschalk verkünden lassen. Seinen Posten kann man derzeit auf ebay ersteigern. Die nächste Sendung kommt wahrscheinlich nach der Winterpause, geboten werden kann bis zum Schluss. Frau Hunziker wird bis dahin getreu dem Motto „Assistentin sucht Boss“ das Publikum weiter mit vielversprechenden Dekoltés und Stargästen, die nach kurzer Zeit wieder nach Amerika fliegen und deshalb die Couch räumen müssen, beglücken. Aber bevor ich den Untergang der deutschen Fernsehkultur betrauere, biete ich eine kurze Pause zum Aufatmen, um über über ein gelungenes Comback auf der Mattscheibe zu berichten. Joko und Klaas, eigentlich in einem Wort geschrieben, kämpfen auf dem Spartensender ZDFneo wieder für den Erhalt der Jugendkultur. Mit Beiträgen über Mitteextremisten und BungaBunga-Parties geben sie jedem jugendlichen Zuschauer wieder das Gefühl, dass jung sein eine Kultur ist, der es sich nicht mehr lohnt zu entwachsen, auch wenn man aufgehört hat beim Zappen auf MTV hängen zu bleiben.
Auch die Deutsche Bahn überrascht uns bildlich gesehen in diesem Jahr wieder mit geschlossenen Türen. Ja, die sind immer für eine Überraschung gut und es lohnt sich immer wieder einen Zusammenhang zu schaffen, um über den Verein zu berichten. Züge fahren entweder durch ohne anzuhalten, kommen gar nicht oder lassen die Türen lieber zu, um Massenpaniken wie in Duisburg zu vermeiden. Aber neues Jahr, neues Glück. Vielleicht gibt es ja im nächsten Jahr keinen Winter mehr und auch die Bahn feiert ihr glückliches Comeback. Es gibt ja auch Rücktritte, wie zum Beispiel den Rücktritt eines Monopols, den sich die Welt nicht leisten kann.
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Diktatoren sind gegangen, Intendanten werden gehen, Trainer zogen sich zurück und Bands wie R.E.M. lösten sich plötzlich auf, weil sie von den Tantiemen leben können. Ämter bleiben, Menschen gehen. Am Ende bleibt nur, wer entweder zu ungestüm zum Gehen ist, oder das schwere Erbe antreten muss. Welche Währung zum Beispiel wird wieder gedruckt, wenn der Euro sich von der Krise verabschieden wird? Und was passiert, wenn Theodor zu Guttenberg auch mit dem Satz „Ich trete zurück“ gelogen hat und sich selber im kommenden Jahr beerben wird? Um diese Fragen zu beantworten, muss man sich immer fragen, warum zurückgetreten wird. Zum Beispiel muss man gehen, wenn man sich als Politiker in ein viel zu junges Mädchen verliebt, man muss gehen, wenn man als Unterhalter nicht mehr nur unterhält wie Thomas Gottschalk oder Silvio Berlusconi oder einfach in Rente geht. Also genau und immer dann, wenn man seine Aufgabe nicht mehr erfüllt. Dann heißt es: Tür zu. Und gut abschließen. Das gilt es nur zu erkennen und schon hat man die Welt ein Stück besser gemacht. Und auch das ist ein sehr weihnachtlicher und besinnlicher Gedanke. Spendet, kümmert euch um die Armen oder tretet doch einfach zurück, zumindest vorerst ein wenig kürzer.
Ich wünsche allen Zurückgetretenen hiermit eine schöne Weihnacht. Und immer dran denken: Rücktritt ist besser als Arschtritt. Ebenfalls dem waisen Volksmund entnommen.
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