Ich habe überlegt, an wen ich diesen Brief schreiben soll und habe mich schlussendlich entschieden, das Wort nicht an dich zu richten, liebe Emma. Das hat vor allem den Grund, dass dir dein Roman „Raum“ so gut gelungen ist. So gut, dass ich dich vergessen habe. Und das ist das größte Kompliment, was ich dir machen kann.
Lieber Jack,
an deinem 5. Geburtstag erklärst du uns die Welt. Wir kennen dich gerade mal ein paar Minuten und trotzdem kennen wir dein ganzes Leben. Wir wissen, wie der Fleck auf den Teppich kam. Wir wissen, dass samstags Badetag ist, du keine grünen Bohnen magst und dass es keine Zeichentrickserie gibt, die du lieber schaust, als DORA. Du erklärst uns alles, Jack, und wir haben schnell gemerkt, dass da etwas nicht stimmt. Weil du erst einmal richtig krank warst. Weil du immer noch gestillt wirst. Und weil du jeden Abend wegen Old Nick im Schrank schlafen musst, zumindest bis deine Mama dich ruft. Du erzählst uns viele Geschichten aus deinem Zuhause, aus Raum. Einige sind witzig, manche traurig, aber sie alle decken nach und nach eine schlimme Wahrheit auf, die du erst langsam begreifst.
Nach dem Mittagsschläfchen spielen wir jeden Tag Geschrei, außer samstags und sonntags. Wir räuspern uns und steigen auf Tisch, damit wir näher an Oberlicht sind. Wir halten uns an den Händen fest, damit wir nicht runterfallen. Dann sagen wir: „Auf die Plätze, fertig, los“, machen unsere Zähne ganz weit auf und rufen schreien brüllen kreischen gellen schmettern grölen so laut, wie wir können. Heute bin ich am lautesten, weil meine Lungen sich vom Fünfsein ausdehnen. Dann tun wir die Finger auf die Lippen und machen Psst. Einmal habe ich Ma gefragt, was wir hören wollen, und sie hat gesagt, nur für den Fall, man weiß ja nie.
Und dann geht alles ganz schnell. Du lernst, wie man schnell rennt und wie man tot ist. Und deine Mama erzählt dir Dinge, die du dir niemals vorstellen konntest und die dir schwer fallen zu glauben.
Ich zähle wieder unsere Atmer. Ich versuche mich zu beißen, in meine Schulter, das tut weh. Anstatt an die Affen denke ich an die ganzen Kinder in der Welt und dass sie gar nicht Fernseher sind, sie sind in echt, sie essen und schlafen und machen Pipi wie ich. Wenn ich was Spitzes hätte und sie damit stechen würde, dann würden sie bluten, und wenn ich sie kitzeln würde, dann würden sie lachen. Die würde ich gern mal sehen, aber es macht mich ganz schwindelig, dass sie so viele sind und ich nur einer.
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