"BEG YOUR PARDON" im Ballhaus Naunynstraße

Titelbild

Marianna Salzmann ist eine der jungen Hoffnungsträger, denen man es zutraut, Politik wieder zurück in die Theater zu transportieren und damit trifft sie den Zahn der Zeit. Die Kleist-Förderpreis-Gewinnerin und gebürtige Russin hat für „Beg Your Pardon“ in Dänemark vorbereitend Interviews mit rechtsgerichteten Politikern, Journalisten und von den neuen Einwanderungsgesetzen betroffenen Pärchen geführt.

Eigenes Bild 5 (gross)Die Beschreibung der Szene, in der die Protagonistin Thea (Maryam Zaree) einem solchen Parteimitglied gegenübersitzt, scheint eine direkte Übertragung von eigens Erlebtem zu sein. Kontrastiert wird dies durch Regisseur Hakan Savas Mican mit einem Entspannungs-Mantra: "Ich werde von eins bis zehn zählen und bei zehn wirst du in Europa sein. Ich sage eins und während du deine Aufmerksamkeit ganz auf meine Stimme richtest, wirst du anfangen, dich abendländisch zu entspannen." Das Problem des Landes sei die Liebe, meint der Aalglatte, doch Theas Problem ist ein anderes. Von ihrem durch nichts aus der Ruhe und Sanftmut zu bringenden Karikaturisten-Freund Filip (Knut Berger) und ihrem gerade erst zur Welt gebrachten Söhnchen David flieht sie nach Malaja, einem kommunenhaften Ort. Immer dabei: ihr Äffchen Chica, welches in Form eines auf den wehenden Vorhang projizierten Video-Stadtaffen à la Peter Fox dahergetänzelt kommt. Chica ist Sinnbild für das Kindliche in Thea, welches vielleicht auch gleichzeitig der Dorn ist, der Thea von der Welt auswandern lassen will. Ihre Freundin Marwa (Marleen Lohse) dagegen ist eine von denen, die sich ihr Land nicht selbst aussuchen kann und die sich eher nach Geborgenheit sehnt als nach Gerechtigkeit.

Und so trifft die geläuterte Thea nach der Feststellung, dass es woanders selten anders ist, (Chica ist inzwischen nicht mehr aufzufinden) Marwa an der Seite von Filip an. Wenn die drei am Ende nebeneinander mit dem Blick zum Publikum statisch individuelle Gefühligkeiten mimisch zur Schau tragen, während Marwa ihre Erlebnisse von einem Frühlingsspaziergang, beinahe wie einst Goethe, darlegt und Theas Augen ein Meer der traurigen Verzweiflung werden, ist der Höhepunkt der Emotionsschleuder erreicht. Das Postmigrantische Theater ist um ein Beispiel reicher, welches unter anderem durch die untypische Besetzung gängigen Klischees entgegensteuert und neben der thematischen Brisanz mit zahlreichen sinnlichen Mitteln arbeitet. Die Projektionen lassen Grenzen zwischen Realität und Imagination verschwimmen, die Darstellung der Geburt ist nicht nur auf abstrakte Art kunstvoll sondern auch Symbol für die weitere Mutter-Kind-Beziehung und das schlechte Gewissen, das über dieser schwebt. Möchte man eine Art Moral in "Beg Your Pardon" suchen, so findet man tendenziell eine deprimierende. Doch Salzmanns Anliegen besteht eher darin, die Europa-Problematik in ihrer Vielgestalt sichtbar zumachen, als emanzipiertes Verhalten in dessen Ausweglosigkeit zu konstituieren. Die Konsequenz des Verlassens ist eine persönliche Facette dieser jungen Frau, welche bürgerliche Normalität fürchtet; die momentane Entwicklung der Einwanderungspolitik jedoch ist ein allgegenwärtiges Thema, dem es entgegenzutreten gilt.

 

Weitere Vorstellungen am 5. – 8. Mai und 31. Mai bis 2. Juni 2012, 20 Uhr
Ballhaus Naunynstraße, Naunynstraße 27, 10997 Berlin

Foto 1: Ute Langkafel // Foto 2: David Ghione

 

 

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Über die Autorin:
Nachdem sie sich in ihrer BA-Arbeit mit Fragen des Exiltheaters in Zürich beschäftigt hat, studiert Ulrike Bauer seit kurzem "Medien und politische Kommunikation" im Master an der FU Berlin. Der Drang, das Bühnengeschehen in seiner Vielfalt zu erkunden, entwickelte sich zu Zeiten der Adoleszenz mitten in der mecklenburgischen Provinz und findet nun seit vier Jahren im einmaligen Berliner Angebot stetig neues Futter.

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