Zufällig veröffentlicht

Der Verbrecherverlag, vorgestellt nach einem Interview mit Mitgründer Jörg Sundermeier Site4 von Mette Gabler (05.05.2010)
Titelbild

Es waren einmal zwei frische Studenten der Literaturwissenschaft, die immerzu lesen wollten. Auch die Sachen, die es eigentlich nicht gab. Diese beiden Studenten waren Werner Labisch und Jörg Sundermeier. Sie fanden sich auf Grund ihrer Faszination und Begeisterung zur Literatur und beschlossen 1995 den Verbrecher Verlag zu gründen. Sie nahmen sich vor Manuskripte in die Finger zu bekommen, von denen sie wussten, dass sie existieren, aber die nicht veröffentlicht wurden und daher nirgends auffindbar waren. Die zwei engagierten Leseratten hatten durch Interviews von einem bestimmten Manuskript gehört, das ihr Interesse geweckt hatte. Der Anstoß gab das unveröffentlichte Werk von Dietmar Dath. Um an diese Seiten heranzukommen gaben sie sich als Verlag aus und somit entstand der Verbrecher Verlag. Da das Unterfangen anfangs nicht unbedingt moralisch war, wählten sie diesen Namen, und hofften so Erwartung auf tatsächliche Veröffentlichungen abzuwehren. Ablehnung, nach Erstellung einer persönlichen Manuskriptkopie, war vorgeplant. Der Name sollte trotz des suggerierten Verlegerunternehmens nicht ernst zu nehmen sein. Dass die zwei Entrepreneure von einem Buch so inspiriert werden sollten, dass sie es doch herausbringen würden, war nicht vorgesehen. Nach den zwei ersten Kapiteln aus Dietmar Daths Roman hatten sie Tinte geleckt und wollten mehr. Deshalb stellten sie mit dem Verfasser Kontakt her und begaben sich Hals über Kopf mit dem Pseudoverlag zur Frankfurter Buchmesse 1994, um den Autor zu treffen. Diese Begegnung führte zu mehr Text und schließlich konnten Jörg und Werner sich nicht mehr herausreden und machten sich daran ihre erste Veröffentlichung herauszugeben; Dietmar Dath, 'Cordula killt Dich! Oder: Wir sind doch nicht die Nemesis von jedem Pfeifenheini'. Leider führte die begrenzte Erfahrung nicht zu einem präsentablen Resultat, sondern ergab ein äußerlich „eher hässliches Buch“, was heute in der Form nie beim Verbrecher Verlag erscheinen würde. Dies war vor 15 Jahren und es gab vier Jahre lang auch kein anderes Buch.

In dieser Zeit sammelten sie nützliche Erfahrungen, wie praktische Grundlagen des Verlegerbetriebs, Grafikkenntnisse, Buchhaltung und Druckerrichtlinien. Beiläufig stieg das Interesse für Dietmar Dath und die Auflage des ersten Buches wurde ausverkauft. Dann kam 'Tigerboy #16', das autobiografische Comicmagazin von Oliver Grajewski. Er schlug die Wiedergeburt des Verlags vor, und da es zeitlich günstig war, wurde im Oktober 1999 und seither jede Ausgabe von 'Tigerboy', durch den Verbrecher Verlag in den Druck gegeben.

Der Verbrecher Verlag erlebte seine Wiederauferstehung und die zwei frischen Akademiker hatten wieder Geschmack gefunden an einem eigenen Vorhaben. Obwohl die Professionalität angestiegen war, hatte die anfängliche Amateurarbeit finanzielle Hürden errichtet, die erst seit ein-zwei Jahren wieder ausgeglichen werden konnten. Gehälter waren demnach nicht die Motivation. Dies spiegelt sich auch in der Wahl der Veröffentlichungen wieder. „Fürs Reichwerden wäre Porno gut“, wie Jörg meint. Doch das interessiert ihn nicht. Bedeutend für die herausgegebenen Werke ist ein ideologisches Fundament, das nicht von Rassismen, Sexismen oder Antisemitismen Gebrauch macht. Der selbstdefinierte linke Verlag überliest generell jeden Text, der ihm zugeschickt wird. Er folgt bei der Auswahl jedoch den Richtlinien ihrer persönlichen Ideologien und Interessen. Hauptsächlich werden Bücher im Bereich der Belletristik verarbeitet, doch Sachbücher, die mehr oder minder politisch sind gehören auch zum Sortiment. Besonders stolz ist Jörg auf die Publikation von dem israelischen Historiker Zeev Sternhell; 'Faschistische Ideologie – Eine Einführung', ein Werkzeug, das „den Begriff Faschismus aus seiner historischen und ideologischen Entwicklung“ erläutert.

Die Verlagsbetreiber streben generell eine enge Beziehung zu den veröffentlichten Werken an. „Bücher kommen vom Herzen“ und werden daher dementsprechend umsorgt. Das trifft auch auf die Beziehungen zu den Autoren zu, die ihre intimen Projekte dem Verlag überlassen. Eine Beziehung, die auf Loyalität basiert wird zwischen dem Schriftsteller und dem Verlag hergestellt. Diese Beziehungen versprechen dem Verlag geeignete Manuskripte, die auf Vorlieben und Gefühlen basiere – und für den Autoren ergibt sich eine höhere Wahrscheinlichkeit für weitere Veröffentlichungen. Dennoch muss auch dieser Kleinverlag auf seine Finanzen achten. Es besteht die Möglichkeit eine kleinere Auflage herauszugeben, aber natürlich wird nichts gedruckt, das garantiert Verlust bringt. Berlin erweist sich hinsichtlich seiner geografischen Lage und seiner Möglichkeit zur Vernetzung als praktisch: „Hier ist immer irgendwann irgendjemand.“ Autoren haben hier immer irgendeine Lesung oder Vorstellung ihres Buches. So funktioniert die Stadt als ein Knotenpunkt für ein Zusammenkommen im deutschsprachigen Raum. Die Vielzahl von literarischen Institutionen und politischen Gruppen in Berlin gründet einen geeigneten Nährboden für Öffentlichkeitsarbeit und Vernetzung, obwohl das Publikum auf mehrere Länder verteilt ist. Man darf bei der ganzen Organisation und Papierarbeit aber nicht den Glauben als das Kulturgut Buch verlieren. „Selbst der fieseste Buchhändler, selbst die abgebrühteste Verlegerin hat heimlich die Attitude: Das Buch ist mehr als nur eine Ware.“ Sie lassen uns in eine Welt abtauchen fernab unserer eigenen Realitäten und geben einen Einblick in Gedanken, Erfahrungen und Erlebnissen, ohne dass wir uns aus dem Kuschelsofa fortbewegen müssen. „Einige Bücher werden älter als wir. Sind nicht nur für den Moment.“ Diese Aura des Buches kann nicht verleugnet werden, und zählt als wichtiger Beitrag der Künste. Und die Moral von der Geschicht: Kunst ist auch was wert und darf daher auch was kosten.

Büchervorstellung:

Gisela Elsner: 'FliegeralarmCover_Fliegeralarm.jpg

In dieser rabenschwarzen Satire führt Elsner eine Gruppe von Kindern vor, die in den Trümmerlandschaften, die die Bombenangriffe in den letzten Jahren des Zweiten Weltkrieges hinterlassen haben, regelrecht aufblühen. Im Gegensatz zu den Erwachsenen begrüßen die Kinder die Bombenangriffe, verschaffen diese ihnen doch immer neue Abenteuerspielplätze. In ihren Spielen imitieren die Kinder auf makabere Weise die Prinzipien und Strukturen des NS-Staates. Sie bezichtigen ihre Eltern der Feigheit, wobei sie selbst „hart wie Leder, zäh wie Kruppstahl“ sein wollen. Doch bald bemerken die Kinder, dass ihnen für das authentische Nachstellen der NS-Zeit noch etwas Entscheidendes fehlt: ein KZ und ein „Jude“ ... "Fliegeralarm" ist der letzte zu Lebzeiten erschienene Roman von Gisela Elsner, die damit bereits 1989 einen Beitrag zu der erst zehn Jahre später einsetzenden Debatte um den Bombenkrieg in der deutschsprachigen Literatur leistete. Nach zwanzig Jahren erscheint dieser bedeutende Text, der bei seinem Erscheinen 1989 gänzlich missverstanden und fehlinterpretiert wurde, erstmals wieder im Rahmen der Gisela-Elsner-Werkausgabe. Die Herausgeberin Christine Künzel hat den Text auf der Grundlage des Typoskriptes letzter Hand überprüft.

Cover_Der_Kantakt.jpgGiwi Margwelaschwili: 'Der Kantakt'

In diesem zum Teil autobiographischen Roman geht es zugleich um die Auswirkung der Teilung zur Zeit des Kalten Krieges und um Margwelaschwilis persönliche Lebensumstände, etwa um seinen intellektuellen Werdegang während seines Zwangsaufenthaltes in Georgien. So befasst sich dieser mit viel Raffinement ausgeklügelte Essayroman mit den Auswirkungen der Politik auf die Literatur und auf das 20. und das beginnende 21. Jahrhundert.

Cover_Am_blinden_Ufer.jpgDietmar Dath: 'Am blinden Ufer'.

Am blinden Ufer ist ein Science-Fiction-Roman über Meeresbiologie, Liebe, Topologie, Nutztierhaltung und Militarismus. Das Personal: Heldinnen und Feiglinge, Tote und Verletzte, Gelehrte und Verliebte, Menschen um die Dreißig und alte Haudegen. Die Welt des Romans unterscheidet sich von der, die man kennt, dadurch, dass sie aus denselben Grundtatsachen, aber unter Weglassung des Unwesentlichen und unter mehrfacher Drehung entlang der Zeitachse konstruiert ist. Das Buch greift auf die "speculative fiction" der 70er Jahre des 20. Jhs. (Ellison, Delany, Moorcock) ebenso zurück wie auf Bilder und Chiffren des Horror-Stammvaters H.P. Lovecraft, die mathematischen Axiome der Geometrodynamik ergänzen die weniger exakten Ungleichungen der Sehnsucht, ein Ehebruch findet statt, das Meer ist eine konkrete Abstraktion und erschlägt am Ende ein paar sinnliche Gewißheiten, ohne die moderne Menschen angeblich nicht leben können.Ach ja: Witze, offene und eher versteckte, gibt es auch.  Ein spannendes Werk! Diese Ausgabe ist eine überarbeitete Neufassung des erstmals im Jahr 2000 erschienenen Romans.

Mehr auf: http://www.verbrecherverlag.de

Kommentare & Bewertungen

Jetzt selbst kommentieren/bewerten!

© 2012 artiberlin.de - Sonja Laaser. All rights reserved.
all graphics, logos, designs, page headers, buttons, icons and other service names are the trademarks of nachtausgabe.de GmbH.