Theaterkritik – Two Fish / Formelwesen im HAU2

„Halt mir einen Platz frei bis ich anders wieder da bin“ Site4 von Gregor Siber (09.03.2011)
Titelbild

Zwei Urzeitmenschen – das scheint zumindest ihre Ganzkörperbehaarung zu verraten –, ein Weiblein und ein Männlein, liegen im HAU2 auf dem Boden. Da liegen Angela Schubot und Martin Clausen, Performancekünstler und Gründer der Gruppe „Two Fish“ - etwas befremdlich. Entfremdung vor sich selbst und dem Partner, dem Andern gegenüber hört man aus den Texten, die diese zwei Menschen sprechen. Verfremdet erscheinen schließlich ihre Bewegungen, die ihre Texte untermalen. Die Texte sind entschieden die Stärke an diesem Abend. Im assoziativen Leerlauf umkreist die Sprache einen blinden Fleck, wo man sich selbst oder den Anderen wähnt und markieren so das Loch, was entsteht, wenn man sich oder den Anderen sieht und nicht mehr weiß, wer das ist. Was dem Text gelingt, lässt die Bewegungen jedoch scheitern. Sie wirken befremdlich, aber nicht mehr als ästhetische Erfahrung. Das Ganze bleibt ironisch, weil distanziert und bietet sich doch etwas zu ernst an.

Das verführt dazu, die folgende Performance der Band „Formelwesen“ auch etwas zu ernst zu nehmen. Doch schnell erfährt man, dass bis auf das Experimentelle die beiden Teile des Abends nicht viel miteinander teilen.

Zwischen Rock, Pop, HipHop, Funk und Jazz treiben die fünf Musiker ihr Formelwesen. Seine Akustischen und elektrischen Klänge erlangen durch Live-Sampling, Loop- und Effektgeräte immer mehr ihr Eigenleben. Viel zu schade zum Sitzen! Aber es gibt auch etwas zu sehen: Noch weiter ins Grenzgebiet der Fantasie treiben das Formelwesen die psychedelischen Videoprojektionen. Fast zur Nüchternheit kehrt es wieder zurück, wenn das unwesenartige Maskottchen der Band sich in skurril-heiterer Stilpose ans Publikum wendet. Bei aller Bizarrerie und Unfasslichkeit des Formelwesens erklingt es und man weiß: da ist es.

Ob das Formelwesen aus der Urzeit kommt, ist zu bezweifeln, doch für unmöglich erklärt man nach diesem Abend besser nichts. Mit den Urzeitmenschen, deren Selbstentfremdung sich zwar aus dem Hier und Jetzt bestimmt, findet es nicht zusammen, zu ungleichartig stehen sie nebeneinander da.

Kommentare & Bewertungen

Jetzt selbst kommentieren/bewerten!

© 2017 artileipzig.de - Sonja Laaser. All rights reserved.
all graphics, logos, designs, page headers, buttons, icons and other service names are the trademarks of nachtausgabe.de GmbH.