Als unsere Erde noch als der Mittelpunkt der Welt, ja des Universums galt, gab es noch ein Oben und ein Unten, das von Gott auserwählte Menschengeschlecht und niederes Getier, eine Grenze, die das bot, was uns heute durch unsere Aufgeklärtheit verwehrt wird, die Sicherheit und Geborgenheit der gefühlten Endlichkeit. Wäre unsere Erde jedoch nur ein Stern, eine kugelförmige, (die Ei-Form hätte die erhitzten Gemüter wohl völlig zur Verzweiflung gebracht) angestrahlte Materie, was unterscheidet uns dann von Mars und Jupiter … und vor allem, wo ist dann Gott? Vielleicht wohnt er auf der Venus, deshalb sehen wir ihn nie oder aber er hockt an einer bestimmten Stelle im Weltall und da wir, auch wenn man es kaum glauben mochte, uns mit unserer Mutter Erde um die eigene Achse drehen und um die Sonne kreisen, kann er immer nur über die Stelle, die gerade unter ihm ist, schützend seine Hände legen – hallo Theodizee.
Als der große italienische Physiker, Mathematiker und Astronom Galileo Galilei im 17. Jahrhundert erkannte, dass wir uns um die Sonne drehen und nicht, wie angenommen, die Sonne um uns, rief er eine schnell mundtot gemachte Diskussion hervor über Glaube und Vernunft, Kirche und Wissenschaft und auch Bequemlichkeit und Wahrheit. Wie die Kirche in bekannter Manier nur ihre eigene Wahrheit zulässt und wie Galileo seine Wissenschaft für die weltlichen Genüsse „verrät“, weiß man aus der Geschichtserzählung wie aus Brechts Stück.
Kay Wuschek brachte das bekannte Stück in Koproduktion mit dem Volkstheater Rostock auf die Bühne des jungen Staatstheaters an der Parkaue. Wenn sich die altbekannte, musikalische Untermalung à la Hanns Eisler mit neuartigen Beats abwechselt, dürfen die Schauspieler auch mal im Zorro-Gewand herum hüpfen oder die Feinripp-Unterhose unter dem Kardinalsgewand zeigen. Angelika Wedde zeigt nicht nur beim Kostüm, sondern auch hinsichtlich der rot-weiß-gestreiften Bühnenlandschaft aus verschiedenen Ebenen, Lust an Farbe, was eine visuelle Freude ist. Auf eben diesen Ebenen streiten sich Kardinäle und Wissenschaftler um die Stellung der Gestirne, um die Zukunft der Wahrheit, der Kirche und der Astrologie, bis schon mal die Hüllen fallen, was das gerade die 15 überschrittene Publikum in helle Aufregung versetzt. Das Leben des Galilei versucht in epischer Brecht-Manier die Grenze zwischen Zuschauer und Akteur verschwimmen zu lassen, so dass dem Publikum schon mal die Fallgesetze des Galileo zum Spottpreis angeboten werden oder ein Erzähler kurz einen Kommentar über die Rolle der Wissenschaft im alten Florenz loswerden muss.
Inwieweit die Inszenierung tatsächlich verfremdet und zum Nachdenken anregt, sei dahingestellt, doch auf alle Fälle wirkt sie als Geschichte, wie sie sich ereignete und als Bewusstmachungsanregung, wie wir immer meinen zu wissen wie es ist, damals wie heute. Ist Wirklichkeit wirklich endgültig? Können wir nicht aus der Vergangenheit lernen, dass wir nicht wissen können, was wir nicht wissen?! Erschaffen wir sie uns nicht immer wieder selbst, die Realität, angepasst an unsere Bedürfnisse oder die der Wissenschaft in Absprache mit der Politik und anderen Interessenten? Verstehen wir heutzutage noch oder schon, wie unsere Welt funktioniert? Oder ist die Physik am Aussterben, weil wir schon alles aufgeklärt und alle Irrwege ausgeschlossen haben? Und trotzdem oder gerade deswegen ist die Geschichte Galileo Galileis eine Hommage an die Naturwissenschaften.
So sieht man nach Verlassen des Theaters in den Himmel, lächelt bei der Vorstellung, wie wir kreisen in unendlicher Weite, lächelt bei der Vorstellung, was wir vor 300 Jahren geglaubt haben und lächelt bei der Vorstellung, was wir vielleicht in der Zukunft herausfinden werden und wie wir es heute nicht für möglich halten würden.
Weitere Vorstellungen am 27.3. und 28.3.2012 im Theater an der Parkaue, Parkaue 29, 10367 Berlin
Über die Autorin: Nach einem Slalom hindurch zwischen soziologischen Theorien, die ich manchmal sogar verstand, und literarischen Diskursen, die konnten, was die Soziologie nicht konnte - mich berühren, wusste ich, dass ich meine Kreise enger ziehen muss, erkundete das Theater hinter der Bühne und stehe nun kurz vor der Ziellinie, mit einer viertelfertigen Abschlussarbeit über die Rolle des Zuschauers im postdramatischen Theater anhand eines Stückes von Heiner Müller, dessen Titel hier den Platz sprengen würde. Neben der Welt auf der Bühne hat es mir die portugiesisch-sprachige Welt angetan: welch ungewöhnlich schöne Sprache, Literatur und Kultur, die so oft übergangen wird.
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