Im Fall von Wilma Aust bestimmte die Moral ihr Handeln. Der vollständig gelähmte Patient sprach mit ihr über den Tod "mit einem Augenzwinkern", wie der Pflichtverteidiger lakonisch feststellt. Jegliche Lebensfreude und Fähigkeit zum positiven Denken waren ihm fremd geworden, als er sie bat, ihm beim Sterben zu helfen.
Katrin Hansmeier stellt die im Kokon gefangene Krankenschwester mit konsequenter Kühle dar. Jedoch fehlt es ihr nicht an Empathie, vielmehr sind es die Umstände und die Umgebung, die sie in ihre eigene Welt - kopfstehend im gezeichneten Kreidekreis - fliehen lassen: Die Kommunikation mit ihrem Freund ist gestört, zwischen Schweigen und Aneinandervorbeireden gibt es nur einen einzigen berührenden Moment, in dem er sie auf allen Vieren auf dem Rücken trägt und sekundenlang die Möglichkeit von Entspannung und Loslassen greifbar scheint. Der äußerlich schablonisierte Verteidiger (Axel Schrick) mit Lichtreflektionsbändchen am Fußgelenk wiederum spinnt sich mit zunehmend zarten Gefühlen für seine Mandantin nicht weniger eine Art Kokon und weist dabei seine um ihn bemühte Frau (Annina Butterworth) immer mehr zurück. Mit seinem Versuch, die drohende Strafe für Wilmas Tat zu mildern, für welche es in Deutschland keine spezielle Rechtssprechung gibt, zehrt er Geschichten ans Licht, die laut Wilma nichts mit ihrem Handeln zu tun haben: Beim tödlichen Unfall ihrer Eltern saß sie als Kind mit im Auto. Die Tante, eine berühmte Opernsängerin, vereinnahmte die Pubertierende komplett für sich und ihre Krebserkrankung. Immer noch spricht sie als quasi-Gewissen aus dem Off zu Wilma, weshalb diese sich fragen muss, wo der Sinn steckt, wenn sie sich selbst darüber aufgibt: Ein kaputtes Privatleben, Ignoranz seitens der Kollegen, Journalistenbelagerung.
Über weite Teile gestaltet Sylke Enders die Inszenierung ihres eigenen Stücks schmucklos-simpel und überlässt der Thematik selbst die Aufgabe, für Spannung zu sorgen. Leider mangelt es den ersten anderthalb Stunden oft an Straffheit und Intensität. Emotion und Sinnlichkeit in den gewählten szenischen Mitteln treten in geballter Form erst am Ende mit dem erlösenden Befreiungsschlag der Urteilsverkündung zu Tage. Dann regnet es schöne Lichtertränen, Puccinizitate sowie die sensibel und eindringlich gespielte Sequenz, in der Wilma zwischen den Wünschen nach Sterben und Rettung schwankt.
Weitere Vorstellungen am: 20., 21., 22., 23., 26., 27. und 28. Oktober um 20.30
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