Theaterkritik: "Katzelmacher" im Studio der Schaubühne Berlin

Titelbild

Der bulgarische Regisseur Ivan Panteleev hat Fassbinders frühen Film „Katzelmacher“ mit Studenten des 3. und 4. Studienjahres der Ernst-Busch-Schule in der Berliner Schaubühne inszeniert.

Werkgetreu belässt er die Handlung in der Zeit der Wirtschaftswunder-60er Jahre, als die Ersten aus dem „Ausland“ nach Deutschland kamen. Die Tatsache, dass sich angesichts der jüngsten Vorfälle in Zwickau seitdem in puncto Fremdenhass offenbar nicht viel getan hat, kann der Zuschauer selbst reflektieren, denn die Gründe für Gewalt und Ausgrenzung sind dieselben geblieben. In diesem Ort haben die Bewohner ihre Sprache verloren. „Servus“ ist demnach das Wort, das die Dialoge bis zum Erbrechen dominiert, dazu Stille und Blicke, die von innerer Leere zeugen. Auch wenn zu Beginn in einem langen szenischen Bild viel Bewegung zu an Zirkus erinnernder Musik abgespult wird und die Figuren optisch in buntesten Petticoats und Stadtcowboy-Outfits stecken, könnte die Wirkung nicht schwarz-weißer sein als im Film.

Der Fremde ist Jorgos, ein "Griech aus Griechenland", der die Frauen in Aufruhr versetzt und die Männer noch viel mehr. Neid, Missgunst und sexuelle Frustration kanalisieren sich in wachsendem Gruppenhass gegen den Gastarbeiter. Gunda, die bislang keinen abgekriegt hat, versucht's bei dem vermeintlichen Selbstläufer, wird jedoch fatalerweise von ihm zurückgewiesen. Aber so eine Vergewaltigung ist schnell vorgetäuscht, die Strumpfhose zerrissen und einmal über die aufgemalten Wimpern gewischt, schon hat die traurige Gemeinschaft einen handfesten Grund, um endlich zum großen finalen Schlag auszuholen. Diese Szene zum Schluss im blutverschmierten Auto hat neben ganz wenigen anderen das Gewicht, den Zuschauer zu fesseln. Natürlich hat Panteleev die Leere und Langeweile darstellen wollen, doch müsste man ein Mittel finden, um trotz alledem die Spannung auf der Bühne aufrechtzuerhalten. So werden die Momente, in denen die reiche Fabrikantin in wildem Psychowahn freidreht oder einer der Männer seine Frau verprügelt, merkwürdigerweise zu den erheiterndsten des Abends.

Bertram Maxim Gärtner in der Rolle des Jorgos bringt, indem er die Konzentration voll und ganz auf Kleinigkeiten wie dem knackenden Abbeißen einer Möhre in der sonst herrschenden Stille oder seinem hysterischen Lachen über das in der Tat lachhafte Geschehen setzt, am ehesten Interessantes hervor. Ansonsten hat man über weite, weite Teile des Stücks das Gefühl, hier ist weniger für das Publikum inszeniert worden als dass man eine szenische Übung zur Erprobung von Schauspieltechniken entwickelt hat, deren gähnende Endlosigkeit der thematischen Drastik die Schärfe raubt.

 

Weitere Vorstellungen am 2., 3. und 4. Januar 2012 um 19.30 Uhr

Schaubühne, Kurfürstendamm 153, 10709 Berlin

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Über die Autorin:
Nachdem sie sich in ihrer BA-Arbeit mit Fragen des Exiltheaters in Zürich beschäftigt hat, studiert Ulrike Bauer seit kurzem "Medien und politische Kommunikation" im Master an der FU Berlin. Der Drang, das Bühnengeschehen in seiner Vielfalt zu erkunden, entwickelte sich zu Zeiten der Adoleszenz mitten in der mecklenburgischen Provinz und findet nun seit vier Jahren im einmaligen Berliner Angebot stetig neues Futter.

Kommentare & Bewertungen

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dukang bill
dukang bill am 06.01.2012 um 04:57 Uhr
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