Theaterkritik: „Der Prozess“ in der JVA Charlottenburg in Zusammenarbeit mit aufBruch

Titelbild

Das Gericht will nichts von Dir. Es nimmt Dich auf, wenn du kommst, und es entlässt Dich, wenn Du gehst“ verabschiedet sich der Geistliche von Josef. Ist dem so? Sind wir vor dem Gesetz alle gleich? Warum entzieht sich Josef dann nicht seiner Verurteilung? Welche Rolle spielt das Gesetz?

In Kafkas Roman „Der Prozess“ wird Josef K. verhaftet ohne sich seiner Schuld bewusst zu sein. Er darf trotzdem seinem Alltag nachgehen, doch versucht er verzweifelt Zugang zum Gericht zu bekommen, um herauszufinden, warum er verhaftet wurde. Er verfängt sich immer mehr im Labyrinth der Bürokratie und der Prozess bemächtigt sich seines Lebens. Josef befasst sich also freiwillig mit seinem Prozess und dem Gericht. Überträgt Josef, wie wir alle, sein Sicherheitsbedürfnis und seine persönliche Verantwortungslosigkeit auf eine unpersönliche Instanz = Gesetz?

Diese und andere Fragen des Prozesses werden einem im Tortensaal der JVA Charlottenburg mal entgegen geschrien, mal zugehaucht, mal auf türkisch und mal auf russisch, doch meistens auf deutsch. Die Antworten und Deutungen bleiben sie einem schuldig oder man eher sich selbst.

Von anfänglich 25 inhaftierten Schauspielinteressierten, blieben schließlich sieben, die Spaß daran haben in die Rolle des angeklagten Josefs, des Advokaten, des Rechtsanwaltes Dr. Huld oder sogar in die des Fräulein Bürstners zu schlüpfen, um etwas sagen zu können, um die ganze Maschinerie des Gerichts und sich selbst auf die Schippe zu nehmen - ohne den anklagenden Ton an Hierarchie und Ordnung zu leise zu halten – oder „um einfach mal aus der Zelle rauszukommen“. Burkhard Rönn, Cabrillo, Erlo Cerhak, Hussein Atwy, Steven Mädel, Ugur Türün, Vitaly Polyakov und der Gastschauspieler Nikolai Plath empfangen einen auf einem Teppich aus Urteilssprüchen, der nach Bürokratie stinkt.

Während man sich die ersten Minuten an ein klamaukhaftes Durcheinander von perückentragenden Persönlichkeiten in Satinpyjamas gewöhnt hat, entsteht prozesshaft eine ganz besondere Atmosphäre. Die Schauspieler changieren zwischen verschiedenen Rollen und sind dazwischen auch mal sie selbst – oder eine Parodie ihrer selbst? Da es selbst im Stück von Kafka keine eindeutige Reihenfolge der Kapitel gibt, ist es nicht verwunderlich, dass diese Inszenierung eine Collage aus 70 Prozent Kafka-Versen und 30 Prozent beigesteuerten, biographisch angehauchten Texten ist. Wie stark dieser Hauch ist, bleibt der Phantasie des Zuschauers überlassen. Es ist schwer von einer durchgängigen Handlung zu sprechen und auch nur selten von miteinander in Dialog tretenden Schauspielern. Wenn sie dies jedoch tun, dann spielen sie mit Demütigung, auch wenn dies außerhalb des (Schau-)spiels kein Spiel mehr ist. Sie verordnen sich gegenseitig im Kreis hüpfend zu piepen oder eine gebärende Elefantendame zu imitieren. Sie schreien sich an, wie untalentiert und dumm sie sind, wie alt und verloren und auch, wenn dies auf einer anderen Bühne eine Darstellung von fernen Vorwürfen wäre, blitzt hier durch, dass ihnen diese Anklagen, diese Ängste gar nicht so fremd sind – leider.

Jeder der Darsteller ist ein Josef, ein Verhafteter, ein Gefangener im Hamsterrad des Gerichts, das ein Geständnis fordert, das ungebeten, doch nicht unnötigerweise, die Verantwortung für einen übernommen hat. Konrad Schaller, der Kostüm- wie Bühnenbild gestaltete, versuchte nicht durch aufwendige Installationen und Maskeraden abzulenken. Im Gegensatz zu anderen aufBruch Inszenierungen, die unter anderem mit einem Chor arbeiteten, wurde bewusst auf alles verzichtet, hinter dem sich ein Schauspieler verstecken kann. Der einzige mediale Einsatz ist ein Keyboard und eine Videoprojektion an der hinteren Bühnenwand, die Einblick gewährt und Transparenz schafft. Vitaly fragt sich, um was es in dem Stück eigentlich geht, denn „ich verstehe das ganze Stück einfach nicht. Warum fickt der Opa in der einen Szene die Wand?“. Diese Darsteller müssen sich nicht verstecken, auch wenn sie dies momentan Tag ein Tag aus hinter den Mauern der JVA Charlottenburg machen müssen. Das Stück ist so gut wie seine Schauspieler und diese berühren mit ihrer Authentizität.

Trotz der Ernsthaftigkeit des Themas und des hohen Anspruchs dieses mehrdeutigen Stückes fehlt es nicht an Humor. Ganz im Sinne von Kafka schaffen die Schauspieler es mit Ironie den Zuschauer zum Lachen zu bringen und haben die Sympathie auf ihrer Seite. Das Regieduo Dirk Moras und Krzysztof Minkowski realisierten mit „Der Prozess“ das vierte Projekt zusammen mit Straftätern zu dem Themenkomplex „Verbrechen“. Die Romanvorlage von Franz Kafka dient dazu als dramaturgische Folie, die den Inhaftierten Distanz bietet und eine Abstraktion vom Privaten ermöglicht. Das aufBruch Team Sibylle Arndt, Caro Forkel und Holger Syrbe arbeitet seit vierzehn Jahren mit bisher über 30 Produktionen im Berliner Strafvollzug und gewann dieses Jahr den George-Tabori-Förderpreis.

Weitere Vorstellungen: 23., 24., 29., 30.11.+ 6., 7.12. um 18 Uhr

www.gefaengnistheater.de

Fotorechte bei Thomas Aurin

 

Über die Autorin: Nach einem Slalom hindurch zwischen soziologischen Theorien, die ich manchmal sogar verstand, und literarischen Diskursen, die konnten, was die Soziologie nicht konnte - mich berühren, wusste ich, dass ich meine Kreise enger ziehen muss, erkundete das Theater hinter der Bühne und stehe nun kurz vor der Ziellinie, mit einer viertelfertigen Abschlussarbeit über die Rolle des Zuschauers im postdramatischen Theater anhand eines Stückes von Heiner Müller, dessen Titel hier den Platz sprengen würde. Neben der Welt auf der Bühne hat es mir die portugiesisch-sprachige Welt angetan: welch ungewöhnlich schöne Sprache, Literatur und Kultur, die so oft übergangen wird.

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