Alle russischen Namen falsch betont, obwohl die Betonungszeichen in der vorliegenden Fassung verzeichnet waren, bemerkt der Kollege von der BZ. Auf dem Besetzungszettel tummeln sich keine russischen, aber dafür bekannte deutsche Namen: Devid Striesow (Bella Block), Joachim Król (Lola rennt) und Ursina Lardi (Das weiße Band), dazu die Regisseure Thorsten Lensing und Jan Hein, bekannt für ihre Tschechow und Shakespeare Arbeiten. Die Erwartungen sind entsprechend hoch, doch sorgen große Namen auch für einen großen Abend?
Die Gutsbesitzerin Ranjewskaja (Ursina Lardi), welche den Schmerz über den Tod ihres jüngsten Sohnes in der Ferne zu betäuben suchte, kehrt nach fünf Jahren zurück auf ihr Landgut. Der einst berühmte Kirschgarten und die Häuser heruntergekommen, aufgrund ihres verschwenderischen Lebensstils fehlt Geld für den Unterhalt und deshalb steht das Gut jetzt vor dem Verkauf. Ihr auf dem Hof lebender Bruder und ihre Pflegetochter Warja konnten trotz aller Mühe nichts daran ändern und als einzige Hoffnung bleibt die Hilfe einer reichen Verwandten. Doch statt dieser erwirbt der befreundete Bauernsohn und Neu-Reiche Lopachin (Devid Striesow) die Ländereien. Er plant Kirschgarten und Häuser abzureißen, um das Land zu verpachten. Die Familie muss ihr Zuhause verlassen, diesmal für immer.
Das Ensemble beginnt in den frisch renovierten sophiensælen mit dem Verlegen von Holzparkett und dem Aufbau einer Ziegelstein-Mauer. Alle packen gemeinsam an, die eigenen Händen erschaffen das Heim der Familie. Doch besagte Mauer wird im weiteren Verlauf aufgebaut, eingerissen, wieder aufgebaut, genauso wie die handelnden Figuren ihr Leben immer wieder neu ordnen und stabilisieren müssen. Nach diesem vielversprechendem Auftakt folgt jedoch schnelle Ernüchterung. Auf der Bühne sehen wir unerklärlich-überspannte Schauspieler, die ihren Text mit einem Überdruck deklamieren, der Tragik und Scheitern ihrer Figuren untergehen lassen im Gebrüll. Wer schwach ist, versucht eben mit Lautstärke seine Argumente durchzusetzen. Doch fein gezeichnete Figuren sehen anders aus, zu oberflächlich präsentiert sich das Ensemble, zu unklar bleibt die inneren Zerrissenheit und damit auch die Bedeutung verhandelter Konflikte. Einzige Ausnahme sind Ranjewskaja und Lopachin. Nur die am Leben gescheiterte Mutter und der am Geld erstickende Kaufmann nehmen den Zuschauer mit in ihr inneres Trümmerfeld. Der Kontorist Jepichodow beispielsweise bleibt konturlose Randfigur. Stärke beweist die Inszenierung durch ihren absurden Wortwitz, welcher mal klug, mal überraschend die Szenen prägt. Er führt die teilweise abstrusen Wirrungen des Lebens vor, unberechenbar und oft hoffnungslos. Doch warum hier man Tschechows Kirschgarten erzählen will, bleibt über weite Strecken unklar. Weder gesellschaftliche, noch politische, noch moralische Fragestellungen werden sichtbar. Kurzweiligkeit bestimmt die Szenen. Das darf auch so sein, doch dann bleibt nicht viel mehr als Unterhaltung und das ist schade.
Was in den sophiensælen gezeigt wird, ist zeitgenössisches Volkstheater. Wer Volkstheater mag, für den ist dieser Abend genau richtig. Doch warum man 2011 zur Eröffnung der neuen Spielzeit an diesem Ort solche Inszenierung braucht bleibt rätselhaft. Große Namen sind kein Garant für einen großen Abend, doch sie erhöhen das Unterhaltungspotenzial. Und besser kurzweilig, als langweilig!
Weiter Vorstellungen am 11., 16., 17., 18. Dezember, jeweils 20Uhr.
Weitere Informationen und Tickets unter www.sophiensaelen.de
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Hinweis auf die Tanztage 2012 in den sophiensælen, weitere Infos unter www.sophiensaelen.de
über den Autor
Hannes Oppermann studierte Theater und Musik in Hildesheim und ist als Regisseur, Dramaturg, Performer und Produktionsleiter tätig.
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