Neden? (Warum?)
„Wer die türkische Nation, den Staat der Türkischen Republik, die Große Nationalversammlung der Türkei, die Regierung der Türkischen Republik und die staatlichen Justizorgane öffentlich beleidigt, wird mit sechs Monaten bis zu zwei Jahren Gefängnis bestraft.“
verkündete das türkische Strafgesetzbuch, §301, leise zwar, doch mit patriotischem Nachdruck, wenn es darauf ankommt, wie im Fall des armenisch-türkischen Journalisten und Schriftstellers Hrant Dink, der 2006 wegen „Beleidigung des Türkentums“ verurteilt wurde.
Er wurde umgebracht. Erschossen. Einfach so. Aus Wut. Ein Mann, ein Türke, ein Armenier, zerrissen zwischen beiden Ländern, sie im Herzen vereinend, auch wenn seine Brüder des einen Landes, der Türkei, seine Sicht nicht verstanden oder nicht teilten. Dink sprach den Genozid an den Armeniern 1915/16 an und forderte Auseinandersetzung mit dem Thema, Klärung und auch Zugabe des Völkermordes, was das türkische Volk bis heute, 100 Jahre lang, nicht tat. Kurz bevor er Opfer dieses politischen Attentates wurde, schrieb er „Es kann sein, dass ich in diesem Gemütszustand schreckhaft bin wie eine Taube. Aber ich weiß, in diesem Land würde niemand einer Taube eine Feder krümmen.“ …
Schön, dass er daran glaubte. Schade, dass viele Menschen Tauben nicht ausstehen können. Vielleicht sahen viele Türken nicht die Taube in ihm, sondern nur eine giftige Schlange – eine Taube im Schlangenkorsett.
Aus fünf verschiedenen Blickwinkeln nähern wir uns Fragen nach Nationalismus, Öffentlichkeit und Meinungsfreiheit, sitzen im Wohnzimmer eines türkischen Paares bei getrockneten Kichererbsen und Schwarztee, starren auf den Fernseher, der die Talkshow Neden zeigt, in der Dink damals Stellung zu seiner Meinung bezog und dafür als Feind der Türken denunziert und bedroht wurde. Die Szene kennen wir schon aus vorheriger Imitation der Talkshow-Diskussion, über der bunte Grabblumen und ein Foto des Mannes thronen, dem ein trauriges Schicksal im Nacken sitzt. In Gruppen eingeteilt werden wir durch das Ballhaus Naunynstraße geführt, hocken auf kleinen Schemeln um ein sich drehendes Auto, auf dessen weißem Umhang ein filmisches Gedankenspiel über das Osmanische Reich und ein armenisch programmiertes Navigationssystem geworfen wird oder liegen auf gemütlichen Teppichen, um über uns in ein, auf Leinwand projiziertes, Istanbul einzutauchen, das von einem Aquarium überlagert wird. Auf einer wunderbar, zart berührenden Reise verschwinden wir in den Gassen der Stadt, wie die Tiefseefische, die man nie sieht, aber von denen man weiß, dass es sie gibt. Weniger feinfühlig geht es in einer Spiegelbox zu, in der Hrant Dink in einen Dialog mit seinem Mörder Ogün Samast verstrickt ist und die Wut und den Hass des jungen Türken entgegen geschrien bekommt – sich selbst im Angesicht, doppelt und dreifach.
Mit allen Mittel der performativen Kunst erschaffen Züli Aladag, Hans-Werner Kroesinger, Miraz Bezar, Hakan Savas Mican und Silvina Der-Meguerditchian in ihren jeweils ganz eigenen Performances ein Gedenken an jemanden, der für seine Meinung umgebracht wurde. Sie thematisieren Fragen nach Identität, Zugehörigkeit und Abgrenzung, Nationalgefühl und Erbsünde und reflektieren die Hintergründe. Darüber hinaus ist es ein Appell an unseren Verstand und unseren Mut, den wir neofaschistischen Strömungen entgegensetzen müssen.
Neden? Erklärungen mildern nicht die Tatsachen…
Weitere Vorstellungen am 20., 21., 22.1. um 19 und 21:30 Uhr und am 16., 17., 18.1. um 20 Uhr im Ballhaus Naunynstraße, Naunynstraße 27, 10997 Berlin
Fotorechte bei Ute Langkafel
Über die Autorin: Nach einem Slalom hindurch zwischen soziologischen Theorien, die ich manchmal sogar verstand, und literarischen Diskursen, die konnten, was die Soziologie nicht konnte - mich berühren, wusste ich, dass ich meine Kreise enger ziehen muss, erkundete das Theater hinter der Bühne und stehe nun kurz vor der Ziellinie, mit einer viertelfertigen Abschlussarbeit über die Rolle des Zuschauers im postdramatischen Theater anhand eines Stückes von Heiner Müller, dessen Titel hier den Platz sprengen würde. Neben der Welt auf der Bühne hat es mir die portugiesisch-sprachige Welt angetan: welch ungewöhnlich schöne Sprache, Literatur und Kultur, die so oft übergangen wird.
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