Spoken words im Kulturdschungel

Eine neue Reihe in unserer Literaturrubrik lichtet die Pfade des dichten Kulturdschungels in dieser Stadt und erweitert die Kenntnisse über das gesprochene Wort: Hier zeigen wir euch Poetry Slams, Lesebühnen, Open Mikes und andere Literaturveranstaltungen Site4 von Marion Bergermann (29.11.2012)
Titelbild

Wo kann man sich selbst ausprobieren ohne auf gestandene Größen zu treffen? Bei welchen Veranstaltungen erlebt man die Erfahrensten der Berliner Slammer-Welt? Und was gibt es zwischen Selbstversuch und den großen Brettern der Profis? Dazu kommen Interviews mit Menschen aus der Literaturwelt: SlammerInnen, AutorInnen und andere lassen uns hinter die Kulissen blicken. Den Anfang unserer Reihe macht:

Die Lesedüne

Es ist dunkel, Montagabend und kalt am Kottbusser Tor. Zwischen den grauen Bauten leuchten bunte Lichter vor der Bar „Südblock“ und spiegeln sich in den großen Scheiben. Ein zunehmendes Menschengewühl ist dahinter zu erkennen. Im Südblock wird heute laut vorgelesen: Die Lesedüne findet statt. Deshalb drängeln sich die eineinhalb Stunden-vorher-Ansteher nun neben den Neuankömmlingen. Musik, viele fröhliche Stimmen und Bierbestellungen mischen sich zu einer vorfreudigen Atmosphäre. Auf der Bühne nehmen sechs Herren Platz, vier von ihnen werden lesen, die anderen beiden singen. Marc-Uwe Kling fängt an und liest seine neusten Erlebnisse mit dem Känguruh, dessen Freundschaft ihm Ruhm und einen Platz bei Radio Fritz einbrachte. Das Publikum lacht, Sebastian Lehmann sucht Musik aus, die ertönt, wie zwischen allen Beiträgen, und die vier Lesedünen-Mitglieder lesen nacheinander ihre neusten Einfälle vor.

Die Lesedüne ist kein Poetry Slam und kein Open Mike, sondern eine Lesebühne. Das bedeutet, dass vorher feststeht, wer auf der Bühne stehen, in diesem Fall sitzen wird. Maik Martschinkowsky, Sebastian Lehmann, Marc-Uwe Kling und Julius Fischer tragen ihr neustes Geschriebenes vor und laden jedes Mal Lesekollegen oder Musikgäste ein. Deshalb bezeichnet die „Düne“ sich selbst auch als Lesekollektiv. Die Musik verstummt, Julius Fischer berichtet, wie er auf seiner USA-Reise viel zu weich für das harte Pflaster von Detroit war. Auch die Slammer auf der Bühne hören sich interessiert die Texte der anderen an.

 Thumb_crop_200x100_blog_31636_6408_6118  Boyband-Poeten

Die gemeinsame Biographie von Marc-Uwe Kling, Maik Martschinkowsky, Sebastian Lehmann und, damals noch Kolja Reichert, klingt ein bisschen wie die einer Boyband: Sie haben zusammen in einer WG gelebt und in dieser Zeit zusammen das Poetry Slammen begonnen, sie wurden alle erfolgreich in diesem Gebiet und gingen 2010 auf Tour: „Über Wachen und Schlafen“ hieß ihr Programm, woraus sie ein erstes gemeinsames Buch machten, und nun verschiedene Slams wie den Kreuzberg Slam und den Saalslam moderieren, Bücher heraus bringen und sich an Anthologien beteiligen. Für Gründungsmitglied Kolja Reichert ist jetzt Julius Fischer aus Leipzig dabei.

Nach der Pause liest jeder seinen zweiten Text, die Musikgäste, an dem Tag das Duo Bye Bye, spielen auch ab und zu. Im Südblock ist die Stimmung nun ausgelassen und die Zeit vergeht zu schnell, das farblose Wort „Lesebühne“ ist hier bunt und kurzweilig. Der Name der Lesedüne hat wirklich etwas mit zusammen gewehtem Sand zu tun: Die ersten Veranstaltungen halten die Dünlinge in einer Strandbar, dem Kiki Blofeld, ab, bis sie 2006 Sand gegen Beton eintauschen und von da ab in festen Häusern spielen. Nach dem Edelweiss und dem Monarch sind sie nun in den Südblock gezogen. Die Lesedüne hat sich rumgesprochen unter den Mitt-bis Endzwanzigern, die Sebastian Lehmann als Generation mit Mischbieren vergleicht: Ohne gemeinsame Inhalte, aber immer wieder mit einem neuen Namen benannt.

Art: Lesebühne

Termine: Jeden zweiten und vierten Montag im Monat

Teilnehmer: Marc-Uwe Kling, Maik Martschinkowsky, Sebastian Lehmann, Julius Fischer und wechselnde Gäste

Ort: Südblock, am Kottbusser Tor, Admiralstraße 1-2

Tipp: Früh da sein

http://www.leseduene.blogspot.de/

 

 

 

Über die Autorin:

studiert Soziologie und Französische Philologie und ist auf der Suche nach der ultimativen Job-Verbindung zwischen Sprachen, Gesellschaft, Schreiben und Radio. Bei artiBerlin schreibt sie die Reihe "Spoken words im Kulturdschungel" und interviewt Leute aus der Literaturwelt.

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