Oh Antonia, du ewig Wütende, du Zeternde ,du Schwache - ich schmeiße dein Buch in die Ecke, damit endlich wieder Frieden einkehren kann.
Ich bin außer Atem, dabei habe ich noch nicht einmal die Hälfte des Weges geschafft. Ich gebe auf, Antonia, und es ist mir egal. Ich hatte mir geschworen, nicht in dieselben Hörner zu blasen, wie alle anderen – die Juroren des Bachmann-Preises und einige bedeutende Redakteure bedeutender Tageszeitungen haben kein gutes Haar an deinem Roman „Vollkommen leblos, bestenfalls tot“ gelassen – doch was bleibt mir übrig? Ich mag es nicht, beim besten Willen, nein.
Ein pures Hass-Stakkato gegen alles und jeden. Eine viel zu junge Protagonistin flüchtet nach jahrelangem Familiendrama aus dem Elternhaus in die Freiheit versprechende Großstadt, doch alles, was sie erfährt, ist noch mehr emotionale Enge – verfolgt vom familiären Unglück sich hassender Eltern, gerät sie immer schneller, immer tiefer in einen Albtraum seelischer und körperlicher Abhängigkeiten. Verfolgt von einem Mann, der sie braucht, um einschlafen zu können. Einen Mann verfolgend, um endlich einschlafen zu können.
Der Bauch, durch den du schwimmst – ein groß angelegtes Herzvernichtungsprojekt, eine Herzmisshandlungsstätte, eine Herzvernichtungsmaschinerie, rausreißen, liegenlassen, mehr davon. Kalkige Gesichter ziehen vorbei, violett und nass, ich schwimme durch die Menge und will raus, an einen Hals, an Jo´s Hals, aber ich finde ihn nicht, nur Patrick zieht plötzlich wieder an mir, und ich sehe in seine Augen, durch die ich hindurchgehen kann, hinein ins Dunkel, da kommt nichts mehr, nichts kommt mehr, er zerrt an meiner Hand, die ich ihm abschlage und weglaufe, weiterschwimme, weiter und nächtelang durch den Bauch, zu dem ich den Ausgang nicht finde.
Der Techno-Puls hämmert sich in den Kopf und fördert Ungeahntes zutage – rauschartige Splattertrips auf Club-Toiletten, platte Hitler-Pointen, ewig kreisendes Kopfkino. Mordlust und Todessehnsucht. Und ich lese und ich lese und ich komme nirgends an. Kein Knall, kein Punkt, an dem ich merke, dass ich drin und dran bin an der Geschichte, die du mir erzählst, Antonia.
Vielleicht ist das alles so gewollt. Meinetwegen. Ich bin raus.
L
Antonia Baum - Vollkommen leblos, bestenfalls tot
erschienen bei Hoffmann und Campe, Hamburg 2011
gebunden 19,99€
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