Rezension - "Die Capitana" von Elsa Osorio

Titelbild

Elsa,

du ließt mich wandeln durch Spaniens 30er Jahre, die Zeit des Spanischen Bürgerkriegs, des Aufbegehrens, des Duftes nach Revolution und Gerechtigkeit, des Gestanks nach Kampf und Krieg; ein paar Abstecher machte ich ins frühe Buenos Aires, wo deine Wurzeln liegen und auch die deines Romans, nach Paris führtest du mich und sogar nach Berlin in die Zeit, in der das Unfassbare geschah – Hitlers Machtübernahme.

Elsa,

du rollst die Geschichte der argentinischen Anarchistin Mika Etchebéhère auf, langsam, manchmal auch schnell, im Detail mit all den vielen Menschen, die ihren Weg begleiteten, die sie stützten, prägten, niederschlugen und ausmachten und vor allem mit ihrem Mann Hipólito – ihrem compañero, Gefährten, Verbündeten, Geliebten, der an mentaler Stärke und Kampfeslust groß war, doch dem sein eigenes Blut in der Lunge die Luft zum Atmen nahm – Tuberkulose – ein Kampf, den er nicht verlieren musste, da er sich der Revolution opferte, an der Front in Atienza im August 1936.

„Das Leben, wie sie es sich ausgedacht hatten, war aus zwei Fäden gewebt, Mika allein findet darin keinen Halt. Wie soll sie allein ein Leben führen, das ein Leben zu zweit war, so reich an Plänen, an Gefühlen. Einzigartig….Als sie vom Tod umgeben war, ertrug sie das Alleinsein gut. Er fehlte ihr nicht, als die Bombe sie unter dem Schlamm begrub, auch nicht, als die Feinde mit Maschinengewehren auf sie schossen, als sie unter Hunger litten, den Läusen und der Kälte, die ihnen in die Knochen kroch. In der täglichen Brutalität des Krieges hat sie die Einsamkeit nicht gefühlt, aber in diesem schönen und lichten Zimmer sitzt er überall. Im Sessel kommentiert er die Bücher, die er gerade liest, er wartet im Bett auf sie, im Fenster im Licht der Abendsonne…“

Elsa,

für mich bist du Mika, ihr Schatten vielleicht, doch trotzdem ein Teil von ihr; immer wieder machst du dich bemerkbar, sprichst mit ihr in kleinen Absätzen, kommentierst ihr Tun, stellst ihr eine Frage, die sich höchstens wie von selbst zwischen den Zeilen beantwortet oder auch nicht, doch all dies einfühlsam wie eine Schwester – Schwestern im Geiste?

Mika spricht diese eine Lust in mir an, ein urehrliches, doch vollkommen verschüttetes Bedürfnis sich voll und ganz einer Sache zu widmen, den Sinn des Lebens in die Aufopferung für totale Gerechtigkeit zu legen, für den Wunsch einer besseren Welt zu existieren, koste es was es wolle. „Ich bin nichts, die Revolution ist alles!“. Irgendwo zwischen dem Job und der letzten Demo weiß ich, es ist jetzt eine andere Zeit, eine Zeit, in der die Ungerechtigkeit nicht Faschismus heißt und nicht mit Maschinengewehren bekämpft werden kann. Das „Was wäre, wenn…?“ -Spiel ist, wie immer, fehl am Platz, doch ich ging mit, spürte Mikas Feuer und das der anderen Milizen für die Politik und die Ideologie, auch wenn ich das Blut im Schützengraben nicht riechen konnte. Erst in deiner Danksagung am Ende des Buchs, verstand ich wie du seit 1986 immer wieder auf Mika aufmerksam wurdest und nach jahrelangem Recherchieren von Schriften, Zeugnissen, Artikeln und Büchern mit diesem weiblichen „Che Guevara“ auf 319 Seiten verschmilzt.

Die ersten Kapitel hatte ich Schwierigkeiten den nicht chronologisch aufeinanderfolgenden Ereignissen und Schauplätzen zu folgen, doch gewöhnte mich daran. Mika Etchbéhère, geborene Feldman, und Hipólito Etchbéhère opfern sich nicht, um gegen Francos Truppen für eine gerechtere, freiere Welt zu kämpfen, sie leben für und durch den bewaffneten Widerstand des POUM (Partido Obrero de Unificación Marxista). Moncloa, Madrid, 1936, November; nach dem Tod Hipólitos kämpft Mika in den Schützengräben, wird bei einer Granatenexplosion von Erde verschüttet, wird gerettet und geht zurück in die Gräben, ist mal eisern, mal fürsorglich und muntert die Milizionäre mit Schokolade und Hustensaft auf, bis sie durch ihr Verantwortungsbewusstsein, ihre Prinzipien und ihre Leidenschaft zur „Capitana“ einer Kolonne ernannt wird.

Es gibt Menschen über die muss ein Buch geschrieben werden.

Danke Elsa, dass ich Mika kennenlernen durfte, als unsichtbare Verbündete, als Frau, auch wenn deine eigene Faszination für sie manchmal allzu deutlich wurde.

Mein Ohr auf den Schienen der Geschichte…

Noch einen deiner, Mikas Sätze: „Es gibt immer etwas, für das zu kämpfen sich lohnt, einen Weg, den man verfolgen kann, und ein Ziel zu erreichen“

In aufbegehrender Verbundenheit

Deine Judith

Aus dem Spanischen übersetzt von Stefanie Gerhold

Erschienen bei Suhrkamp,

Berlin 12.12.2011, gebunden 19,90 €

 

Über die Autorin: Nach einem Slalom hindurch zwischen soziologischen Theorien, die ich manchmal sogar verstand, und literarischen Diskursen, die konnten, was die Soziologie nicht konnte - mich berühren, wusste ich, dass ich meine Kreise enger ziehen muss, erkundete das Theater hinter der Bühne und stehe nun kurz vor der Ziellinie, mit einer viertelfertigen Abschlussarbeit über die Rolle des Zuschauers im postdramatischen Theater anhand eines Stückes von Heiner Müller, dessen Titel hier den Platz sprengen würde. Neben der Welt auf der Bühne hat es mir die portugiesischsprachige Welt angetan: welch ungewöhnlich schöne Sprache, Literatur und Kultur, die so oft übergangen wird.

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