Liebe Judith,
es war zu laut um dich, um es einfach zu überhören. Nominiert für den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis sowie auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Der Hals der Giraffe schaute in diesem Herbst weit über dem Buchmarkt hinaus. Ich wollte mich dem nicht verwehren, warum auch, sangen sie doch Loblieder auf dich. Und ich singe mit.
Inge Lohmark aus Vorpommern, in den Fünfzigern, Biologie- und Sportlehrerin aus Überzeugung. Vor ihr eine zwölfköpfige 9. Klasse, der letzte Jahrgang, den sie noch bis ans Ende begleiten wird, danach macht das Charles-Darwin-Gymnasium dicht. Und mit ihm Inge Lohmark.
Drei Tage aus dem Leben einer Biologielehrerin – die letzte ihrer Art.
Es dauert bis man sich auf sie einlassen kann, bis man warm mit ihr wird. Wenn das überhaupt möglich ist. Inge Lohmark ist schroff, rational und hält nichts von Liebe. Überleben wird nur der, der sich anpasst und für sich kämpft. Da ist kein Platz für emotionales Geplänkel. Von ihrem Mann, dem Straußenzüchter Wolfgang, bekommt sie ohnehin nicht viel mit. Und ihr einziges Kind Claudia ging vor 12 Jahren nach Amerika und findet keinen Grund, zurückzukehren. Doch nach und nach erhascht man hier und da einen Blick hinter die Fassade und entdeckt Wundersames. Die Sehnsucht nach der Tochter. Die Angst vor der Zukunft. Oder die Gefühle für ihre Schülerin Erika. Zusammengehalten von ihrer Hassliebe zum Leben.
Das Resultat langjähriger Unterstützung, kurzsichtigen Wohlwollens und fahrlässiger Großherzigkeit. Wer den hoffnungslosen Fällen weismachte, dazuzugehören, der brauchte sich nicht wundern, wenn sie irgendwann mit Rohrbomben und Kleinkalibergewehren in die Schule marschierten, um sich zu rächen für all das, was ihnen jahrelang versprochen und immer wieder vorenthalten wurde. Und dann mit Lichterketten ankommen.
Die Wortgewalt, mit der du, liebe Judith, deine verbitterte Protagonistin sprechen und fühlen lässt, hat mich nahezu umgehauen. Du ziehst es durch, ohne Wenn und Aber, und mit einem Ausrufezeichen hinter jedem Satz. Inge Lohmark ist eine der beeindruckendsten Figuren der deutschen Literaturlandschaft des 21. Jahrhunderts. Anhand zweifelhafter Biologiegrundsätze verteidigt sie ihr fast autistisch anmutendes Weltbild und ihre Misanthropie. Doch in den Tiefen der Geschichte, zwischen den Zeilen warten größere Themen auf uns: Wir werden immer älter, immer ignoranter, immer mehr. Wohin soll uns die Evolution noch bringen? Was wartet in zehn, zwanzig, fünfzig, hundert Jahren auf uns?
Höher, schneller, weiter. Der Hals der Giraffe. Das Wasser bis zum Hals. Die Kirschen auf den obersten Ästen, die Gletscher Grönlands. Sie brauchten uns nicht.
Danke dafür.
L
Judith Schalansky - Der Hals der Giraffe
erschienen bei Suhrkamp, Berlin 2011
gebunden 21,90€
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