Noch bevor Darren Aronofsky mit dem folgenden Spielfilm Requiem for a Dream seine Kameraeinstellungen und Schnittabfolgen zu einer perfekten Erlebbarkeit des Leids und der menschlichen Getriebenheit vor sich her peitschte, bescherte er dem Filmjahr 1998 sein Erstlingswerk Pi. Schon damals zeigte sich, dass hier ein möglicherweise richtungsweisender Filmemacher auf den Plan tritt, dessen formvollendete Regie und technische Beschlagenheit endlich nicht mehr Selbstzweck sind, sondern einer interessanten Geschichte dienen mögen. Aronofskys Inszenierung, die zerstückelte Anordnung von Impressionen spiegeln das Bewusstsein seiner Protagonisten: die Linse richtet sich auf Blicke und Gedanken, die inszenierte Abfolge der Bilder bedeutet den Fluss der bewussten und unbewussten Eindrücke. Und wenn wir nun keine Lust haben, in einen Allerweltsgeist einzudringen, sondern sagen wir... den eines paranoiden Mathematikgenies, dann kann das ganze geradezu anstrengend interessant werden.
Max Cohen (Sean Gullette) ist ein beinah völlig von seiner menschlichen Außenwelt abgeschotteter Mathematiker. Hinter Riegeln und Türketten entspinnt sich seine manische Suche nach Formen und Mustern in der ausgesperrten Realität. Wenn die gesamte Natur und ihre Organismen durch Zahlen und Mathematik verstanden werden können, so muss es auch eine Möglichkeit geben, das kollektive menschliche Verhalten darstellbar zu machen. Der Theoretiker ist Gefangener seiner Idee und in ständigen Angstzuständen unfähig für eine normale menschliche Interaktion. In hektischer Schnittfolge wird seine rastlose Einsiedelei geradezu spürbar, in der sich ein Gedanke verselbstständigt hat: Max will die Muster des Börsenmarktes herausfiltern, repräsentieren und schließlich vorhersagen können. Während er immer dichter dem Ziel entgegenfiebert und dabei körperlich mehr und mehr zerfällt, werden sowohl ökonomisch als auch spirituell interessierte Parteien auf seine Arbeit aufmerksam.
Aronofsky versteht es meisterhaft, den Zuschauer die extreme Wahrnehmung eines außergewöhnlichen Menschen fast körperlich spüren zu lassen. Max leidet unter stechendem Cluster-Kopfschmerz und schließlich unter Wahn- und komatösen Zuständen, die ihn zur Eigenverabreichung immer höherer Medikamentendosen zwingen. Für die Darstellung solcher Gewohnheitstätigkeiten gibt es auf filmischer Ebene sich stetig wiederholende Schnittmuster. So wird man in Max’ Sinnzusammenhänge hineingetrieben, fürchtet sich vor jeder Straßenecke, vor dem Blick durch den Spion. Man will daran glauben, dass man kurz davor ist, die Menschheit zu durchschauen, die Welt zu erkennen. “I’m so close.” Wieso sollten mir sonst diese zwielichtigen Gestalten auflauern? Ein Schritt vor die Tür und die stoische Frau huscht um die Ecke, sie vertritt irgendeine Wallstreet-Firma, und will mit maskenhaftem Grinsen einen Termin vereinbaren, wenn ich bereits fortrenne, und hört nicht auf, immer wieder anzurufen, selbst wenn ich sie anschreie. Wieso? Der Computer zeigt zum wiederholten Male “NO RESULTS”, wenn er auf Basis eines Musters Vorhersagen treffen soll, heute morgen war es eine lange Zahlenfolge, 216 Ziffern, ich hab sie weggeschmissen, aus Wut, denn die Zentraleinheit ist durchgeschmort und es wurden Aktienwerte angezeigt, die realitätsfern sind, ein Kurs gar bei einem Zehntel des heutigen; dann Lenny, dieser jüdische Numerologe, der mir in Cafés auflauert, ein Thoraforscher; er hat plausibel erklärt, dass jeder Buchstabe im Hebräischen mit einer Zahl korrespondiert und Bedeutung trägt, die Werte von „Mann“ und „Frau“ ergeben zum Beispiel den Wert von „Kind“. Die Thora als eine lange Folge von Nummern, ein Code Gottes?Am Ende finden wir diese Welt irgendwie plausibel, in der man nur die Ordnung im Chaos will, die Konstante, die alles klar und rational machen würde, in der man von menschlichem Versagen bei sich und anderen abgestoßen, von der Natur, von Ameisen, vom Sex der Nachbarn angeekelt ist. Es macht Sinn, dass Aktienwerte plötzlich ins Bodenlose fallen, dass man es wusste; dass kabbalische Zahlentheoretiker glauben, der Name Gottes habe 216 Ziffern, dass man den Goldenen Schnitt von Pythagoras, diese harmonische Spirale, überall in der Natur wiederfindet, in Fingerabdrücken, Muscheln, Strudeln, Tornados, sogar in der Milchstraße. Dass alle wollen, was man vielleicht schon besitzt. Dass man daran zugrundegeht, was man vielleicht weiß... und dass ein Mann eine Art Selbst-Trepanation mit einer Bohrmaschine an der Schläfe unternimmt. Erst als der Unmensch merkt, dass er selbst menschlich ist und das Ziel seiner Suche nicht für die Menschen ist, kann er sich wieder am Leben erfreuen; er nimmt sich selbst das Wissen und entdeckt erneut die schlichte Schönheit in den Mustern, die er so unbedingt entschlüsseln wollte. Neben ihm im Park sitzt das Mädchen, dass ihn früher so oft im Treppenhaus mit komplizierten Rechenaufgaben belästigte, die er beiläufig löste. Es nimmt den Taschenrechner und sagt: „Max, wieviel ist 748 durch 238?“ Das allererste Lächeln, denn er weiß es nicht. Weiß nicht, dass es 3,14 ist... Unwissenheit macht wohl doch glücklich - vor allem, wenn das Wissen eine Zahl betraf, die 6 x 6 x 6 ergibt.
Bilder:
http://www.toutlecine.com/images/star/0011/00111358-sean-gullette.html
http://www.seangullette.com/images/pmaxv.jpg
http://www.hoboes.com/library/graphics/movies/Pi/Search%20for%20Truth.jpg
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