Orchestre Miniature in the Park: Statt Autos brennen die Grills

„Letztes Jahr im Sommer“ begleitete Tom Erhardt die MusikerInnen von OMP nach Paris. In der Reihe „Neuer Deutscher Film“ zeigte das Babylon Mitte am vergangenen Donnerstag die Premiere des daraus entstandenen Dokumentarfilms. Site4 von Angelika Vollmer (08.06.2010)
Titelbild

Beim Orchestre Miniature in the Park haben die Mitglieder keine Nachnamen. Sie heißen Klaus, Alise, Laureline, Friedemann, Karen, Suska, Mawil, Julien u.v.m. und spielen sich die Rücken fleißig an winzigen Klavieren und Miniatur-Schlagzeugen krumm. Ihr Repertoire besteht aus einer Auswahl von Cover-Songs, immer vorausgesetzt, dass die Worte „Sommer“ oder „Sonne“ im Titel vorkommen. Eigentlich selbstverwirklichen die bunten Spielzeug-Botschafter sich hauptsächlich in diversen Berliner Parks und Clubs. Doch „Letztes Jahr im Sommer“ begleitete Regisseur Tom Erhardt die ambitionierten Musikerinnen und Musiker von OMP nach Paris. In der Reihe „Neuer Deutscher Film“ zeigte das Babylon Mitte am vergangenen Donnerstag die Premiere des daraus entstandenen Dokumentarfilms.

Eigenes Bild 2 (klein)Mal munter lärmend, mal besonnen philosophierend ziehen die Miniatur-MusikerInnen ausgehend von ihrer vorübergehenden Homebase auf einer Insel im Fluss quer durch Pariser Vororte, spielen auf Hochhausdächern (Titelbild © Liberation), in winzigen Tavernen und sogar dem Vorplatz des Centre Pompidou (Bild © OMP/Federmann). Sie beglücken Einheimische und Touristen gleichermaßen mit ihren klimpernden Versionen bekannter und weniger bekannter Sommerhits, ziehen dabei belustigte, begeisterte und verwunderte Blicke auf sich und können sich währenddessen selbst kaum einkriegen vor lauter Freude an ihrem kleinen Ausflug in die französische Vorstadt- und Inselidylle.

Eigenes Bild 4 (klein)Was gibt es da aber auch nicht alles zu sehen: Statt Autos brennen die Grills, leibhaftiges Federvieh stolziert gackernd umher (Bild © OMP/Mawil) und dann die vielen Bäume! Mutter Natur drückt die kreativ gestressten Großstädterinnen und Großstädter liebevoll an ihren Busen. Weit entfernt vom Berliner Hinterhaus-Komfort werden Zelt-Heringe in den Waldboden getrieben, Anrufe aus der Hauptstadt sind unerwünscht. Sie bedeuten unter Umständen negative Vibes und stören ohnehin nur den abendlichen Nachhauseweg quer durch den Fluss (Bild © OMP/Federmann). „Das einfache Leben macht sehr glücklich“ stellt eine der Protagonistinnen nachdenklich fest. Eine musikalische Reise sollte es vielleicht werden, doch ist es schließlich mehr als das. „Ein Band der Liebe“ spürt so manches Orchestermitglied mit wachsendem Zugehörigkeitsgefühl, und der voll besetzte Kinosaal signalisiert am Schluss jubelnde Zustimmung. Fest steht: Der Garten Eden befindet sich eigentlich gar nicht in der französischen Wildnis, sondern mitten in unseren Herzen.
 
Eigenes Bild 3 (klein)Schlecht gelaunte Zeitgenossen könnten nun den heftigen Drang verspüren, der vielleicht etwas eindimensional wirkenden kindlichen Euphorie diverse Schatten der Realität entgegen zu halten. Doch Zyniker, lasst Euch gewarnt sein: Ihr müsst leider draußen bleiben! Wie wollt ihr auch ankommen gegen den Sommer, die Sonne, die Liebe und überhaupt: Paris! Wir blicken mit OMP über die Dächer der Stadt und fragen uns: Was braucht es schon zum Glücklichsein? Eingelullt in rosa Zuckerwatte verlassen wir selig lächelnd das Kino und blinzeln in die liebe Sonne, die wie auf Bestellung endlich wieder scheinen mag. „Wir sind keine Sekte und keine Partei“, versichern die bunten Liebesbotschafter von OMP immer wieder emsig. Aber geht es ihnen vielleicht insgeheim doch um mehr als die pure Lust am Leben? Die Antwort lautet vermutlich nein. Auch egal: Nachgedacht wird später wieder. Zuerst kommt mal der Sommer.

Den Trailer zum Film gibt's hier

Weitere Vorführungen von „Letztes Jahr im Sommer“ im Babylon Mitte (U-Bahnhof Rosa-Luxemburg-Platz)

Mittwoch, 09.Juni 2010, 18:15 Uhr
Donnerstag, 10. Juni 2010, 21:00 Uhr

Mehr Infos über OMP und das Babylon Mitte.

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