Musikrezension: Oskar Schuster. Dear Utopia

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Es gibt Musik, die den Zuhörer akustisch dazu auffordert, sich dem Zeitalter der Schnelllebigkeit anzupassen. Phoenix zum Beispiel oder Jamiroquai. Und dann gibt es Musiker wie Oskar Schuster. Musiker aus dem Garten neben der Schnellstraße, dort, wo niemand sofort hinsieht. Man muss still halten, um seine nonverbalen Lieder zu verstehen. Vorzugsweise kocht man sich vorher etwas Warmes zu trinken, setzt sich dann ans Fenster und beobachtet den Schnee - wenn man Glück hat.
„Dear Utopia“ heißt die erste gepresste Scheibe des Wahlberliners. Allein das Innenteil des Covers macht Lust auf mehr. Tauben fliegen auf, hinten, am Gartenzaun aus Jugendstil. Das erste Lied, „Le Soirs“, trägt den Zuhörer fort in eine Welt, jenseits des 21. Jahrhunderts. Es erinnert an schwarz-weiß Fotografien, Mädchen in dunklen Chanel-Kleidern und wer die Augen schließt, der kann Paris sehen. Dabei hört selbst der ungeschulte Laie die starke musikalische Verwandschaft zu Yann Tiersen heraus. Was hier nach einem kleinen Filmorchester klingt, ist Oskar Schuster selbst. Wie Tiersen bespielt er ein „Ein-Mann-Orchester“: Er ist Klavierspieler, Acordeoniste, Glockenspieler, Gitarren- und Ukulelenspieler zugleich. Inspiriert wird er dabei neben Yann Tiersen von der US-amerikanischen Folkband Beirut. Aber auch Kinderbücher wie „MOMO“ von Michael Ende wirken sich auf Schusters musikalische Wunderwerke aus. Und als wäre das alles nicht schon liebevoll genug, verbirgt sich auch hinter den Musikvideos dessen Handschrift. So viel 'Selfmade' ist die Gegenwart nicht mehr gewohnt. Aber gerade das macht diese Kunst zu etwas Einzigartigem. 
Angekommen bei dem Stück „Les Pluies“, könnte dieses assoziiert werden mit einem stillen Sonntag, an dem es Brokkolisuppe gibt, statt Hühnchen auf Reis. Nach 17 Titeln, drehen sich die Bilder im Kreis: Alte Spieluhren, Montmartre, Kraussellfahrten, rote Lackschuhe, Spitzentischdecken auf Eichenholz. Wer hier nicht ins Träumen gerät, macht etwas falsch.
Oskar Schusters Musik ist Nostalgie durch und durch. In allen synästhetischen Facetten. Eine  Akustik, die motorisch entschleunigt und emotional beschleunigt. Es ist Zuhörmusik. Die isländische Kapelle „Sigur Ros“ macht das seit jeher vor. Doch in Deutschland ist Ähnliches bisher nur unter den Singer/Songwritern populär. Vielleicht setzt Oskar Schuster endlichen wieder einen deutschen Trend für zeitlose Instrumentalwerke. Auszuschließen ist das nicht.

 

Tracks:

1.Les Soirs
2.Conte
3.Svefngengill
4.Comatose
5.Une Valse Invisible
6.Draumur
7.La Valse Egarée
8.Pause (La Nuit)
9.Le Sommeil
10.La Souvenance
11.Une Valse Invisible II
12.Les Pluies
13.La Fête
14.Hvarf
15.Les Matins
16.Þyrnirós
17.Rêverb 

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