Medienkunst: New Movements von Susanne Pomrehn in der Galerie Semjon Contemporary

Ausschnitte aus dem Arabischen Frühling // Site4 von Thea Dymke (16.12.2011)
Titelbild

Weihnachtszeit ist Bastelzeit. Und die Suche nach kreativen Weihnachtsgeschenken führt nicht selten zurück zu alten Traditionen: Der im 16. Jahrhundert entstandene Scherenschnitt beispielsweise beschert Eltern wohl jedes Jahr unzählige Platzdeckchen und Wandbilder. Die lieben Kleinen schneiden und schnipseln wahlweise Schmetterlingsformen oder  symmetrische Muster, in allen Farben, die das Tonpapier hergibt.
Unter dem Titel „New Movements“ befüllen Scherenschnitte seit Kurzem auch die Wände der Berliner Galerie Semjon Contemporary. Von romantischer Bastelei sind diese Cut-outs jedoch weit entfernt, vielmehr sind sie Zeugnisse jener Bilderfluten, die politische Geschehnisse tausendfach reproduzieren und um die Welt tragen.Eigenes Bild 2 (gross)

Die gezeigten Papierarbeiten der Künstlerin Susanne Pomrehn reichen von Din A4 bis Großformat und zeigen gerahmte Scherenschnitte aus Fotomaterial. Die ausgeschnittenen Figuren, ihre Umrisse und die beschnittenen Hintergründe der Bilder setzt Pomrehn zusammen, über- und aufeinander. Sie werden gespiegelt und gekippt, aneinander geklebt, geschichtet, gebogen, symmetrisch montiert. Ihre Schnitte folgen Geraden oder Schlängellinien, ragen in den Raum oder fügen sich flach in den Untergrund. Unterschiedliche Ebenen der Fotos verknüpft Pomrehn mit Nylonfäden und erstellt so skulpturale Gebilde, die scheinbar die Bildgrenzen überwinden wollen. Diese immer wiederkehrenden Motive stehen im schroffen Gegensatz zum viel diskutierten Bilderverbot im Islam. Eine erste Dimension von der politischen Aufgeladenheit der Cut-outs deutet sich also schon hier an.
Die eigentliche Spannung der Arbeiten entfaltet sich aber erst bei genauerer Betrachtung des verwendeten Rohmaterials. Für ihre Arbeiten verwendet die in Berlin lebende Künstlerin Internetbilder, die Szenen des so genannten Arabischen Frühlings zeigen. Wir alle kennen sie – Fotos von wütend in die Luft gestreckten Fäusten protestierender Männer und Frauen. Anrückende Militärtruppen, die ihrerseits mit eiserner Faust durchgreifen. Rauchbomben werfende Vermummte. Längst haben die tausendfach prozessierten Bilder ihren konkreten Realitätsbezug eingebüßt, ihre  Bedeutung hat sich  eher zugunsten einer Stellvertreterfunktion für eine ganze Bewegung in den arabischen Ländern verschoben. Von persönlichen Schicksalen entfremdet, funktionieren Abbilder wie diese als Variationen des Immerselben. Eine von den Medien endlos recycelte Bilderflut, in der westliche Kulturen die „Anderen“ und deren Kämpfe bebildern. Aus sicherer Entfernung versteht sich.
 
Eigenes Bild 3 (gross)Susanne Pomrehn treibt diese Entfremdung, diesen Abstraktionsprozess der Bilder auf die Spitze. Indem sie die traditionelle Technik des Scherenschnitts verwendet, lässt sie zunächst zwei kulturtechnisch getrennte Welten kollidieren. Einerseits verweist die eigentümlich pixelige Ästhetik der Fotos durch unkenntliche Gesichter und unscharfe Kontoren auf ihre Internetherkunft. Die geometrischen Muster und scharfen Kanten des Scherenschnitts hingegen rücken die Materialität einer tradierten Kulturtechnik ins Bild. Die Arbeiten changieren also fortwährend zwischen unnahbaren Schablonen und beängstigend Konkretem. Doch die bescheidene Qualität des Bildmaterials verstärkt das Schemenhafte nur noch weiter, reduzieren Zeugnisse der Zeitgeschichte aus entfernten Ländern schließlich endgültig zum abstrakten Muster. So wird ein flammender Mensch zum Zentrum eines ansprechend strukturierten Bildes. Wahrgenommen Als formschöner und farbiger Mittelpunkt, statt als Opfer von Gewalt. Die Grausamkeit der einzelnen Szenen enthüllt sich erst auf den zweiten Blick. Und tritt alsbald wieder hinter der Gesamtstruktur des Bildes zurück.  Fügt sich ein in scheinbar Bekanntes und wird aufgesogen von den nach Form und Bildgrenzen suchenden Scherenschnitten. Einer Parabel gleich verdichten Pomrehns Cut outs die Spannung von Individuum und Masse, Tradition und Technik, anonymisierender Distanz und der Lust am Schauen. Nur noch bis 23. Dezember zu sehen!


New Movements – Fotoschnitte
von Susanne Pomrehn
25.11. – 23.12.2011
Semjon Contemporary
Galerie für zeitgenössische Kunst

Schröderstr. 1
10115 Berlin
www.semjoncontemporary.com
Öffnungszeiten
Dienstag – Samstag
13.00 – 19.00 Uhr

Abbildungen von oben nach unten:
Capture Nr. 2, 2011, 41,1, x 61,1 cm (gerahmt), Klebeband, Fotoabzüge (20 x 30 cm), Bildquelle: Internetpresse
Capture Nr. 3, 2011, 41,1, x 61,1 cm (gerahmt), Klebeband, Fotoabzüge (20 x 30 cm), Bildquelle: Internetpresse
Revolved Nr. 5, 2011, 17,1 x 31,1 cm (gerahmt), Klebeband, Fotoabzüge (10 x 15 cm), Bildquelle: Internetpresse, Edition von 5 (+1)
Alle Abbildungen von Rainer Elstermann

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Über die Autorin:
Irgendwo zwischen Praxis und Theorie beschäftigt sich Thea am liebsten mit kreativer Medienverwendung, paradoxen Gedankenspielen und kulturrelevanten Veranstaltungen. Nach dem Bachelorstudium der Europäischen Medienwissenschaft, studiert sie nun im letzten Jahr den Master in Kultur- und Medienmanagement. Dazwischen arbeitet sie in einem Bildungsverlag und treibt sich gern in der Berliner Kunst- und Kulturlandschaft herum.

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