GRENZGÄNGE: "SurVivArt" - Kunst für das Recht auf ein gutes Leben.

Es ist an der Zeit Abbitte zu leisten: denn ich bin wahnsinnig unpolitisch und verschwenderisch. Ich war noch nie auf einer Demonstration, bei den politischen Tagesnachrichten in der Glotze zappe ich weiter. Ich lese zwar den Wirtschaftsteil, aber nur um Site4 von Jennifer Krumnow (10.02.2012)
Titelbild

hinterher über die Bosse wettern zu können. Ich schmeiße auch mal Kaugummipapier oder eine Kippe auf die Straße und mein halb angefangene Schrippe in den Müll. Man könnte sagen, wer mit dem nackten Finger auf mich zeigt und mich eine unpolitische Umweltsünderin schimpft, hat nicht Unrecht. Das sitzt, und zwar richtig!

Doch was wäre wenn dieser unpolitischen Umweltsünderin ein Medium begegnet ist, das es ihr unmöglich macht die Augen davor zu verschließen. Es ist wie mit allem im Leben, etwas holt uns ein und hält uns fest, loslassen nicht erwünscht. Bei mir war und ist es die Kunst. Erst durch dieses Medium traue ich mich wieder ran an das was schwer wiegt, an meinen blinden Fleck. Politisches, Gesellschaftliches, Ökonomisches, Soziales hat viele Gesichter, doch im Gewand der Kunst offenbart es sein Störrischstes.

Den Beweis dafür erbringt das aktuelle Schätzchen der Heinrich-Böll-Stiftung „SurVivArt“ in den Galerieräumen Meinblau und Mikael Andersen. Was da als Kunst für das Recht auf ein gutes Leben präsentiert wird, ist durch und durch politisch motiviert, ist die Heinrich-Böll-Stiftung schließlich eine „Agentur für grüne Ideen und Projekte, eine reformpolitische Zukunftswerkstatt und internationales Netzwerk“ (gemäß aktueller Broschüre der Stiftung). Sei es drum. Dennoch muss es erlaubt sein, auch als unpolitischer aber interessierter Kunstmensch das ganze einer Prüfung zu unterziehen.

Zurück also zu dem Störrischen dieser Ausstellung. So wirklich wollte mir den Zugang zu den Exponaten nicht gelingen. Doch das lässt sich erklären, denn „die Künstler sollten nicht für die westeuropäischen Betrachter produzieren.“ Deshalb war ich mir an vielen Punkten der Ausstellung über die gewählten Medien nicht sicher, ob sie nicht eher aufgestülpt als authentisch wirken. Es wird viel Technik eingesetzt, Projektionen wohin das Auge blickt. Diese Form der Präsentation wird dem Ganzen jedoch leider nicht gerecht, dem Versuch die „spezifische Sicht auf Kunst und Nachhaltigkeit aus den jeweiligen Regionen nahe zu bringen“. Leider und das bedaure ich sehr. Denn was da angerissen wird, hinterlässt den Wunsch dabei gewesen zu sein, wenn sich das nigerianische Tanztheater Crown Troupe die Seele förmlich aus dem Leib tanzt und damit auf die Folgen des Klimawandels für das tägliche Leben in einem Viertel in Lagos aufmerksam macht. Oder in Kambodscha dem Austausch von sehr persönlichen Gegenständen und den dazugehörigen Geschichten auf dem Flohmarkt der Erinnerungen beigewohnt zu haben. Und sicherlich auch in einem thailändischen Dorf jemanden danach gefragt zu haben, was dieser zu seinem Reis gegessen hat, um anhand seiner Antwort, seiner Stimme dahinter zu kommen, wie glücklich derjenige ist.

All das sind interessante Anknüpfungspunkte und Einblicke in das gute Leben und über den westeuropäischen Tellerrand. Doch es fehlt etwas Entscheidendes, das Lebendige, das Erleben, ein Gefühl. Kunst darf störrisch sein und das ist die Ausstellung "SurVivArt" durchaus, denn der Betrachter muss sich die Zeit nehmen um hinter dem Konzept der Ausstellung das gute Leben zu finden. So bleibt es beim Zeigen oder besser gesagt Aufzeigen und irgendwie nicht darüber hinaus geht. Berührt hat es mich dennoch, insbesondere die Videoinstallation "Fotograf" 25 frames per second. Eine Gruppe von kleinen Jungen und Mädchen, dicht gedrängt aneinander, die Lehrerin dahinter. Sie wagen sich zu einem eindringlichen Rhythmus immer näher an die Kamera heran. Die Frau verlässt das Bild und es sind nur noch die Kinder zu sehen, die Jungs gehen immer voran. Der äthiopische Künstler Robel Temesgen hat sich zusammen mit den Schülern einer Grundschule an die Geschlechterrollen einer äthiopischen Dorfgemeinschaft versucht. Die 25 frames per second habe eine subtile Eindringlichkeit, wie ich sie schon lange nicht mehr gesehen habe. Darüber zu schreiben ist ein schwieriges Unterfangen, denn es muss gesehen und erlebt werden, um es zu fühlen. Das gleiche gilt natürlich auch für Politik. Ein Versuch ist es immer wieder wert!

"SurVivArt" ist ein internationales Kunstprojekt. Zehn Künstler aus Kambodscha, Äthiopien, Nigeria, Thailand, Burma/Myanmar und der Tschechischen Republik zeigen ihre Sicht auf das Gute Leben. Inspiriert wurde das Projekt von der Initiative ÜBER LEBENSKUNST der Kulturstiftung des Bundes und mit Unterstützung der Heinrich-Böll-Stiftung ausgearbeitet.

Die Exponate sind noch bis 24. Februar 2012 in den Galerieräumen Meinblau und Mikael Andersen, Pfefferberg, Christinenstr. 18/19, 10119 Berlin zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag, 12-18 Uhr und Samstag, 11-16 Uhr.

Ein Besuch auf der Website lohnt sich in jedem Falle, da hier das Projekt "Leben oder gut leben" der Künstlerin Nino Sarbutra interaktiv mitgestaltet werden darf.

www.survivart.boellblog.org

 

Kommentare & Bewertungen

Jetzt selbst kommentieren/bewerten!

© 2018 artileipzig.de - Sonja Laaser. All rights reserved.
all graphics, logos, designs, page headers, buttons, icons and other service names are the trademarks of nachtausgabe.de GmbH.