Elektronisch: "Fullscreen" von Notic Nastic

"Set me free from an automated life!" Site4 von Xenia Kitaeva (15.01.2012)
Titelbild

Im Oktober 2011 erschien nach dem Debut "It's dark but it's ok" (2010) das zweite Werk des bunten Duos Notic Nastic: "Fullscreen".
Weitaus poppiger als ihre erste CD, trotzdem noch lange nicht Mainstream oder langweilig bietet "Fullscreen" eine gute Mischung aus Elektronischer Musik und Pop und eröffnet die spannendsten Klangdimensionen, Empfindungen, Fantasien.
Notic Nastic ist eine explosive Gruppe aus New York und Berlin, wo sie sich auch irgendwo in den Massen unter uns befinden. Sie treten nur mit Masken und/oder vollständig geschminkten Gesichtern auf, mit Glitzer und Neon, mit jeder Menge Farbe, die in ihrer Musik und kunstvoll auf ihren Körpern verteilt ist. Auf der Bühne umgeben sie sich häufig mit einer weitläufig leuchtenden Entourage.
Geheimnisumwoben sollen Notic Nastic sein, weswegen man nicht mit Bestimmtheit sagen kann, dass sie nur zu zweit sind. Anonym bleiben sie in jedem Fall, sie möchten sich allein durch ihre Musik personifizieren.

Auf "Fullscreen" finden sich 12 Stücke und eine durchaus interessante Steigerung. Es eröffnet mit „Cyanide“, der ersten Singleauskopplung, einem dramatischem und ehrlichen Stück.



Der melancholische Text lässt den Hörer trotz der ansteckenden und angespannten Stimmung die Sorgen wegtanzen. Man hört progressive Gitarrensounds, verspielte Beats, die mal stark in den Vordergrund, dann in den Hintergrund zu den Schlagzeugklängen treten. Obwohl man jedes Wort mitfühlt und in den Gesangspausen ein wenig von Verzweiflung ergriffen wird, verzagt man dank des starken instrumentalen Abgangs letzten Endes doch nicht.
Nummer zwei auf dem Album, "Illuminati Bitch", ist ruhig in der Einleitung und versetzt mit Flüsterstimmen in eine verschwörerische Stimmung. Es steigert sich.
Die Stimme der blonden Frontfrau steht fast immer im Zentrum, doch glücklicherweise nicht so, dass die restliche Klangvielfalt untergeht. Notic Nastic schaffen es, dass die Instrumente der klaren und betörenden Stimme harmonisch zuspielen und gemeinsam mit ihr eine befreiende Geschichte erzählen.
Plötzlich kommt spielerisch ein 8bit-Sound daher und versetzt solange in Trance, bis ein dumpfer Ton Erlösung bringt. Schon hier lässt sich feststellen, dass Notic Nastic nichts für Menschen mit festgefahrenen Geschmäckern und Interessen sind.

Notic Nastic verweilen zwischen zuckersüßem, femininem Pop und berauschendem Elektro und natürlich bleiben sie stets tanzbar. Immer wieder hört man eine verzerrte Stimme, die so klingt als wären die Gesangsspuren fünffach übereinander gelegt worden und einen starken Rhytmus, der sich mit verschiedenen Wandlungen durch das ganze Album zieht. Bei "Eye on you" lässt es sich nicht einmal mehr klar sagen, ob der geheimnisvolle Gesang am Anfang des Stückes überhaupt zur Sängerin gehört. Es geht sehr nach vorne und ist musikalisch wie textlich dominant, aber trotz verträumter Klänge und verführerischer Stimme im Ganzen eher bedrohlich.
Zwischendurch wird es interessensteigernd abgehackt, bis es in einer glasklaren Melodie mündet, untermalt mit der höchsten Stimme, die die Sängerin aus sich herausholen kann.

"Witch" versteht sich von selbst, es ist sehr beatlastig. Passend zum okkulten Titel ist das Lied musikalisch angelehnt an Goth- und Industrial-Musik und man hört eindeutig den lärmenden, düsteren Elektropop, mit dem Notic Nastic begannen. Immer wieder wird es durch die gespielt unschuldige Stimme zauberhaft betörend, man versinkt, obwohl man sich der Gefahr bewusst ist, tief in der Musik, bis ein fast unmenschliches und verzerrtes Gejaule einem die Augen öffnet.
"Clicker Control" wirkt rebellisch mit seinen langgezogenen, tiefen Klängen: "I like to smoke cause it all dissolves me into nothing..." setzt sich dramatisch im Kopf fest, bis schließlich ein unerwarteter, doch intensiver Rave mitreißt und befreit.
Weiter wird es immer instrumentaler, es gibt fast keinen Gesang, und wenn, dann in einer verstörenden Chipmunks- Tonlage.
Darauf folgt ein chorales Intermezzo, welches in eine instrumentale Bombe mündet. Man hört nur eine abgedämpfte Snayer oder ähnlich metallisches, der Grundbeat bleibt ergreifend bis der Schlusston kommt. Und dann kann man ruhig noch einmal kurz ausrasten.
Etwas, was an einen Lovesong denken lässt, ist auch vertreten: "Sunset Boys" ist langsamer und vom ersten Takt an einfühlsamer, während das von einem knarzenden Grundbeat durchtriebene "Watch Dogs" gänzlich ohne Gesang auskommt und in ein pompöses Ende aus feinstem Noise mündet.
Das Finale des Albums ist ein wenig verwirrend, jedoch gibt es ein wunderschönes Gesangsschmankerl, das auf einen wartet wenn man den verwirrenden Teil nicht überspingt: "But I'm not coming home 'cause I gotta go where i can do what i wanna do, and it doesn't mean that I don't love you", beweist noch einmal die schöne Stimme der Frontfrau.

Auf "It's dark but it's ok" konnte man eine düstere und hypnotisierende Mischung aus Elektro, Pop, Wave, Punk, Techno und Robotern vernehmen. "Fullscreen" kommt melodischer und harmonischer daher, dennoch hört man immer noch den Einfluss derselben Musikstile.
Genau so wie man auf dem Erstlingswerk hören kann, wohin sich ihre Musik mit "Fullscreen" entwickeln wird.
Notic Nastic sind unzufrieden mit dem Überfluss unseres Informationszeitalters, mit der Pseudo-Freiheit eigene Entscheidungen treffen zu können, sowie mit den Machenschaften der Musikindustrie und sie rufen vehement dazu auf, die Augen zu öffnen und selbst zu entscheiden, selbst zu denken: "Go Fullscreen!" heißt es auf ihrer Website und "see the world fullscreen". Aber auch andere zwischenmenschliche Empfindungen kommen nicht zu kurz, schließlich ist das zweite Album massentauglicher und Notic Nastic trotz all des alienhaften Auftretens auch nur Menschen.

Tausendmal gehört bleiben Notic Nastic immer noch schön bis tanzbar.

www.noticnastic.com

www.facebook.com/noticnastic

www.myspace.com/noticnastic

www.noticnastic.com/itsdark/

 

Über die Autorin Xenia Kitaeva:

"Spiel, Spaß und Sprachen, das bin ich. Vitamine. Geschichten kurz vorm Exitus bis zum Kotzen. Wörter, Bilder, Klänge und Dreck, das bin ich auch. Rap, Schnaps, und wieder Worte. Manchmal ein Klang, ein bisschen Gesang. Und dann die nächtlichen Gedankeneskapaden. MultiInteressiert bis übereifrig. Russische Seele, internationales Gedankengut. Manchmal mehr, manchmal weniger. Ich habe gehört, dass über Musik schreiben wie Architektur tanzen ist. Und ich habe es ausprobiert. Als nächstes kommt dann das Tanzen. Ohne das Schreiben kann ich nicht leben, deswegen schreibe ich. Über Musik, über Bücher, über mich, über dich, über alles."

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