Einer muss sich ändern; das Theater oder die Gesellschaft - und wieder zueinander finden.

Die Kunst ist eine Tochter der Freiheit -Friedrich Schiller-. Site4 von Sonja Laaser (08.07.2010)
Titelbild

Einer muss sich ändern; das Theater oder die Gesellschaft - und wieder zueinander finden.Ein sehr geringer Teil meiner Generation identifiziert sich mit dem Theater und lässt es zu einem Bestandteil seines Alltags werden. Die verbliebenen Besucher bevorzugen oftmals Inszenierungen, welche mit visuellen Effekten dermaßen überfrachtet sind, dass eine tiefe Auseinandersetzung mit der inhaltlichen Thematik des Stückes für eine positive Beurteilung kein Kriterium mehr darstellt und somit in den Hintergrund rückt. Dies spiegelt sich mittlerweile durch die Art und Weise der Inszenierungen wieder.

Zwei verschiedene Momente können der Kunst immanent sein. Kunst als Möglichkeit einer kritischen Auseinandersetzung. Kunst als Möglichkeit der Unterhaltung. Ersteres meint die Konfrontation mit äußeren – politischen oder auch gesellschaftlichen Ereignissen oder inneren entwicklungsermöglichenden Augenblicken zu bewirken. Zweiteres bedeutet eine von vielen Möglichkeiten den Geist zu berieseln, um einen Augenblick von meiner Selbst abgelenkt zu werden -  einfach mal „abzuschalten“. Auch Letzteres wäre eine legitime Wahl. So wie es mir frei steht, den Fernseher anzuschalten, um eine unterhaltsame Sendung am Ende eines anstrengenden Tages zu schauen. Es wäre die leichtere Entscheidung, da sie keine eigene Anstrengung im Sinne von unerfreulicher Auseinandersetzung und Ausharren erfordert. Wir sind auf Kurzweiligkeit getrimmt – Langeweile gilt es zu bekämpfen. Die durchschnittliche Fernsehdauer in Deutschland beträgt 210 Minuten, für Bücher verbleiben beispielsweise lediglich 8 Minuten am Tag. Die Fähigkeit, sich über einen längeren Zeitraum zu konzentrieren und sich auf etwas einzulassen, wird dadurch sicherlich nicht gefördert. Somit wird die Tendenz ins Theater zu gehen und vielleicht auch einmal auszuharren, erschwert. In den früheren Generationen war der Gang ins Theater Bestandteil des Wertekatalogs. Inhaltlich wurde ein sinnstiftender Gedanke erwartet.

Die Erlebnisgeneration versteht den Gang ins Theater nicht als einen Bestandteil ihrer kulturellen Werte. Die vereinzelten Theatergänger weichen in ihrem Geschmack darüberhinaus von denen der 68iger Generation ab. Es geht nicht mehr um die Vermittlung von Werten und Moral, sondern um Ästhetik. Wolfgang Welsch proklamiert die Ankunft des homo aesthetik als neue Leitfigur im Anschluss an Schulzes Analyse zur Erlebnisgesellschaft. Demnach sei die Ästhetik an die Stelle des Sinns getreten. Die Erlebnisgesellschaft habe sich von ideologischen und moralischen Grundsätzen verabschiedet. Was übrig bleibt oder besser die Leere füllt sei ein gesteigertes Bewusstsein für Umgangsformen, Marken und Ästhetik. Die sogenannten Konsumisten ohne Revolutionsgedanken ändern auch den Anspruch an die Philosophie. Es gehe nicht mehr darum, den Menschen zu zeigen, wohin sie unterwegs sind, sondern wie man unter dem Bestreben, nirgendwo unterwegs zu sein, leben kann.

Die Philosophie bedient sich  genau deshalb der theatralen Räumen und versucht diese performativ zu gestalten, um den Konsumisten zu erreichen.Sinnlehre wird mit Erlebnisintensität gefüllt. Es erscheint nur konsequent, dass die hiesige Generation erst den Boden für die Verteidigung der populären Kunst schuf. Im Grunde könnte dies auch als eine Demokratisierung des kulturellen Systems verstanden werden – ein Prozess, der letztlich zu einer Akzeptanz der Massenkultur führte. Die nachfolgende Generation der Akademiker unterscheidet sich von der Wertelite früherer Zeiten durch Offenheit und Neugier gegenüber fremden Ausdrucksformen und Erlebnismustern - einschließlich der Überwältigung der Sinne, der Faszination durch Technik und Ästhetik des Spektakels. Besorgniserregend ist die damit einhergehende Enteignung des früheren Kulturauftrags: Kultur als identitätsstiftende Subversion des geltenden Geschmacks. Schon die Vertreter der Frankfurter Schule hielten die Massenkultur als Produkt der Kulturindustrie für Betrug, weil das Publikum durch Zerstreuung von der Erkenntnis seiner eigentlichen Interessen abgehalten würde und dies zur Akzeptanz des Status quo führe. Es stellen sich zwei Fragen: Warum sollte es wichtig sein, das Theater als einen Ort für kritische Auseinandersetzungen zu begreifen - entgegen dem Trend der Gesellschaft - und wie könnte das Theater es schaffen, seinen oben erwähnten Auftrag auch innerhalb der Erlebnisgesellschaft wahrzunehmen. Zunächst möchte ich mich der ersten Frage zuwenden.Religiöse und humanistische Werte büßen ihren Einfluss auf das tatsächliche Tun immer mehr ein- wer soll uns in Zukunft unsere Werte liefern, welche für eine Gesellschaft- auch in identitätsstiftender Hinsicht- unverzichtbar sind.  Wie sollten soziale Fähigkeiten und ein kritisches Denken gefördert werden - vielleicht auch als eine Möglichkeit, eine eigene Identität zu entwickeln. Welche Möglichkeit haben wir uns gegen Missstände und negative Entwicklungen zur Wehr zu setzen, welche unabhängig von den vorgesehen Mechanismen des Staates und der Presse existieren. Genau hier liegt für mich der Grund das Theater in vergangenen Missionen zu befürworten, auch wenn es nicht zeitgemäß erscheint. Wenn wir die Mechanismen, welche der Gesellschaft eine Chance geben sich zu entwickeln, zerstören, dann rauben wir ihr die Chance, auf lange Sicht wehrhaft zu sein. Der Mensch sucht seinem ursprünglichen Trieb nach die Vergesellschaftung - welche nur mit Werten eine gesunde Entwicklung langfristig und friedlich erfolgen kann. Eine momentane Resignation und unpolitische Haltung lässt noch lange nicht auf die Endlosigkeit dieses Zustandes schließen.  Eine Plattform für eine Wandlung darf daher nicht zerstört werden. Wie könnte der ehemalige Konsens bezüglich der Funktion der Kunst Einzug in den Wertekatalog der Erlebnisgesellschaft erhalten, um zur zweiten Fragestellung zu gelangen. Wie jede Generation definieren wir, was für unser Leben einen Stellenwert haben soll- den gesellschaftlichen Konsens.

Die Lifestylegeneration – als eine mögliche Ausprägung der Erlebnisgesellschaft- bestimmt, was für sie als Muss gilt. Latte Macchiatto, Bioessen (Gastroästhetik), Macbook und der Besuch des Mauerpark am Sonntag spiegeln den Zeitgeist einer auf Ästhetik wertlegenden Generation wieder. Einzug in dem Wertkatalog haben die Galerien mit ihren Vernissagen und Finisagen gefunden. Hierbei handelt es sich ebenfalls eher um ein Lifestylegefühl, als um das Bedürfnis nach intensiver Berührung mit und durch die Kunst. Man könnte sich jedoch ebenfalls die Frage stellen, ob das Bedürfnis der vorangehenden Generationen ins Theater zu gehen, sich dem Grunde nach von den Sehnsüchten und Ambitionen der Lifestylegeneration unterscheidet. Damals ging es ebenfalls um das Bestreben bestimmter Parameter, welche diese Schicht für sich aufgestellt hatte, zu erfüllen.  Es handelte sich nicht um „bessere“ Menschen, um eine gesündere Generation. Ihre Entwicklung erklärt sich aus der geschichtlichen Auseinandersetzung und daraus folgenden Abgrenzung zu der Elterngeneration. Auch der Humanismus war nichts anderes als eine Reaktion auf die „Entzauberung der Welt“. Die daraus folgenden Werte waren somit die logische Folge des damaligen Zustandes. Ich bin der Überzeugung, dass der Gang ins Theater, als ein Parameter des Wertekatalogs – auch wenn anfänglich nur aus ästhetischen oder Prestigegründen – durch den ernsthaften Versuch, sich berühren zu lassen, wieder eine sinnstiftende Funktion annehmen könnte. Da wir momentan nicht genügend provoziert zu sein scheinen, entwickelt sich kein natürliches Bestreben nach einer kritischen Haltung- im Gegenteil- die Zukunftsangst, Arbeitslosigkeit und Wirtschaftskrise fördern in uns  als natürliche Reaktion auf die Angst- das Bestreben nach Sicherheit, Ruhe und Frieden. Wir befinden uns in einem reaktionären Zustand. Ein gesellschaftlicher Wandel kann nur subtil oktroyiert werden. Dabei muss man sich der Sprache der Generation bedienen und sie verzaubern. Das Gefühl etwas zu verändern, etwas zu bewirken ist nichts anderes, als sich selbst zu fühlen, sich wichtig zu nehmen - seine Identität zu spüren. Diese sind natürliche Bestrebungen des Menschen. Theater hat das Potential dies zu bewirken. Somit ist es nun an den Theatern, sich nach außen zu öffnen und den Charme und die Verlockung, welche sie haben können, zu kommunizieren. Menschen, welche ihnen fremd geworden sind, wieder für sich gewinnen- welche sich entfremdet haben oder nie die Chance hatten sich zu gewöhnen. Sich ihrer Sprache zu bedienen, sich ihren Themen anzunehmen, mit ihnen zusammen zu erleben. Gleichzeit gilt es, nicht  den Mut zu verlieren und sich auf den Inhalt zu konzentrieren, keine Massenkunst zu produzieren. Es ist zwar auch Kunst durch Lichteffekte, Videoeinstellungen und guten Musikstücken zu unterhalten. Theater muss noch einen anderen Moment beinhalten. Die Kunst liegt darin, eine Inszenierung zu schaffen, welche mangels ablenkender Momente den Besucher die Chance gibt, sich auf die Botschaft des Stückes einzulassen und somit sinnstiftend zu wirken. Nur so erfüllt das Theater seine ursprüngliche Aufgabe und legitimiert es vom Staat und somit von der Gesellschaft gefördert zu werden. Das Theater muss sich somit verändern, um auf die Gesellschaft einwirken zu können und diese zu verändern- nicht inhaltlich – sondern in seiner Kommunikation. Das Theater muss sich somit so präsentieren, dass es für den Lifestyle der Generation interessant wird.

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