Der medienaffine* Mensch wurde in den letzten vier Wochen einmal mehr auf seine Leidenschaft hin geprüft: erst drei Spiele am Tag, dann immer noch drei Spiele am Tag, danach zwei Spiele am Tag, dann zwei Spiele gleichzeitig am Tag und am Ende dreimal irgendwie Finale am Tag.
Soviel Beschäftigung gibt noch nicht einmal die neueste Staffel von „24“ in den Tag hinein und Vorabendserien laufen meist nicht länger als 40 Minuten einmal am Tag. Der medienaffine Mensch ist meist, wie nur allzu gut bekannt, nicht gleichzeitig auch der Bundesliga-Follower. Er ist also auch nicht derjenige, der jedes Abseits auf Anhieb erkennt und auch mal einen Elfmeter zuviel geben würde. Aber Dank unseres Béla Réthy, dem wieder aufgetauchten Jürgen Klinsmann und dem sportlich etwas aus der Form geratenen Olli Kahn, hat man wieder viel über das Spiel, das ganze Nationen begeisterte, gelernt. Liebesgeschichten spielten sich zwischen den genauen Pässen von Poldi zu Müller zu Schweini ins Tor ab. Tränen flossen, als die gesamte Crew unserem besten Mann, Günter Netzer, ein Dankeschön für all die schönen Kommentare in die Kamera posaunte.
"Medienaffine Familie vor dem Fernseher."
Und noch schöner war dann der Gesamtabschluss der Deutschen Spiele bei der Pressekonferenz im Deutschen Lager in Südafrika, in der Fußball seine politische Dimension entfaltete: Unser neuer Bundespräsident ließ es sich nicht nehmen, ein paar Worte zu viel über das schillernde, aufstrebende Deutschland zu verlieren. Über die tolle Mannschaft, die Deutschland so unvergesslich im Ausland repräsentiert hat. Über unseren Jogi, der so einen tollen Kader zusammengestellt hat aus Spielern, die auch in vier Jahren noch nicht über 25 Jahre alt sein werden. So jung, so dynamisch, so ein Team! Über das tolle Südafrika, das all die Kriminalitätsraten und Probleme mal für vier Wochen vergessen durfte. Über den großartigen Zusammenhalt, die Teamfähigkeit, die NACHHALTIGKEIT. Und am Ende der Brückenschlag zwischen den zwei großen Deutschen Themen: „Ihr wäret alle gute Politiker!“ Stimmt, da hat er Recht. Zumindest würde es nicht viel schlimmer sein, als es jetzt ist, wenn Thomas Müller das silberne Lorbeerblatt als bester Außenpolitiker bekommen würde. Und außerdem geht es in der Politik ja auch jünger als noch vor der letzten Wahl zu: Erst die familienlose Familienministerin (32), dann der selbstbetitelte junge Bundespräsident (51) und jetzt also auch noch der junge Neuer (23) an der Spitze. Denn bleiben wir dabei: Fußball und Politik sind austauschbar wie Lahm und Ballack.
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"Wären ebenso gute Politiker: Philipp Lahm und Michael Ballack."
Der Medienaffine freut sich, Teil der neuesten Nachricht des aktuellsten Themas zu sein. Näher dran kann man nicht sein, als live dabei. Näher kann man auch nicht an der Zeitung von Morgen sein. Es geht dem Medienaffinen auch in einem gewissen Maße darum, die aktuellsten Themen immer und immer wieder zu rezipieren. So gucken sie sich nicht nur „Unser Star für Oslo“ Woche für Woche an. Sie sehen jeden der Vorberichte über unser Lenchen, die ab dem Vorabendprogramm laufen, konsumieren die Ausschnitte zu dem Beitrag vor den Werbepausen und die Vorschau auf den nächsten nach der Werbepause, schalten den Fernseher am Tag des Ereignisses schon drei Stunden vorher ein, machen den Rest des Abends Public Viewing, bevorzugt mit Freunden, die Lena scheiße finden, um ihr ganzes Wissen auszuschütten. Näher dran heißt ja auch mehr Ahnung haben und der folgende Tag wird gefüllt mit Lena im Flugzeug, Lena aus dem Flugzeug heraussteigend, Lena und, auch das hat er sich nicht nehmen lassen, der Ministerpräsident Niedersachsens, dann wieder nur Lena und Raab in und um Hannover und noch zwanzig Mal das Gesicht einer Siegerin, die für Deutschland den Pokal geholt hat.
Public Viewing bei der WM beschränkt sich bei dem einen oder anderen Tatort-Fan am Ende der WM dann doch immer nur auf drei Freunde vor dem eigenen Fernseher, weil das da mit dem Bier irgendwie schneller geht und der Bildschirm auch bei Waldis WM-Club noch auf voller Lautstärke bleibt. Fahnenträger hingegen bleiben gerne in der Masse unauffällig mit ihrem Ausnahmezustandsgehabe und der Vuvuzela zwischen den Zähnen.
Doch was keiner im Taumel der Euphorie mehr zu sehen scheint, ist, dass die WM nicht die Lindenstrasse ist. Selbst Günter Netzer gibt, wenn’s zu viel wird, das Handtuch ab. Beim Showdown ist die Stimmung auf dem Siedepunkt angelangt und ein jeder darf sich ein letztes Mal feiern, als gäbe es keinen Morgen mehr. Doch dann setzen sie die WM einfach ab. Ungeachtet der explodierenden Zuschauerquoten. Ebenfalls alle Gründe, den Brief der GEZ mit "Ja, ich habe einen Fernseher, drei Radios und Internet" zu beantworten, erlöschen von ein auf den anderen Nachbericht. Die Geschichte geht einfach nicht weiter. Der medienaffine Zuschauer macht sich auf die Suche nach einem neuen Tagesgeschehen und freut sich wieder auf den Tatort, die Tagesthemen und die Frauen-Fußball WM. Sorglos zappt er sich durch die Medienlandschaft und scheint beruhigt, denn die Erfahrung lehrt: Auf das eine folgt das andere Großereignis und: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.
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"Wenn im Fernsehen nichts passiert, ist da zum Glück immer noch das Leben anderer im Netz."
Der Medienaffine ist der beste Gast des Landes, denn er ist ein guter, konsumierender Bürger. Er wird wählen gehen, damit die Hochrechnungen spannender sind. Er geht ins Theater, damit es sich lohnt, das Feuilleton zu lesen. Er ließt Harry Potter, um sich auf den nächsten Band und natürlich den nächsten Film freuen zu können. Guckt den Tatort, um sich Sonntagabend nicht schon um Montagmorgen kümmern zu müssen. Wenn nichts mehr geht, richtet er sich noch einen Facebookaccount ein. „Nur mal so, um bei anderen auf der Seite gucken zu können, was die so machen.“ Der Medienaffine der heutigen Generation ist ein netter Mensch. Wie der der nächsten wird, bereitet mir allerdings ein wenig Sorge. Ich rechne mit Selbstmördern, nachdem sie die WM 2014 abgesetzt haben, und WIR, wie immer, schillernd und glänzend Dritter geworden sind.
*medienaffin: "dass jemand oder etwas ein zugewandtes Verhältnis zu dem modernen Kommunikationsschnickschnack pflegt."
Quelle: http://www.km2.de/blog/2010/02/05/mein-sohn-ist-medienaffin.html
Kein Synonym für medienaffin gefunden
Quelle: http://synonyme.woxikon.de/synonyme/medienaffin.php
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