Die bewegende Welt: die reale Rahmung jedes Fotos|Pieter Hugo im C/O Berlin

Pieter Hugos großformatige Fotografien aus der "Permanent Error Serie" sind Einzel- oder Gruppen- Porträts und Landschaftsaufnahmen des Elektroschrottplatzes „Sodom und Gomorrha“ in Ghana. Site4 von Ioana Muntenescu (04.01.2013)
Titelbild

Eigenes Bild 2 (gross)

Jungen auf der Suche nach wiederverwendbaren Teilen, umgeben von großen, grauen Aschewolken und orangen Feuern. Liegende Kühe mit menschlichen Figuren im Hintergrund. Es gibt Bilder der Arbeit, die sich der Atmosphäre eines Infernos annähern, und Bilder der Ruhe, wie z. B. das eines Arbeiters beim Schlafen.

Weiter, in den großzügigen Raum der ehemaligen Turnhalle trifft man zuerst auf Yakuba Al Hasan: eine volle Ladung Kabel krönt seinen Kopf, auf der linken Schulter trägt er einen Reifen. An der Wand gegenüber steht das Bild des kleinen, schüchternen und ernst dreinblickenden Mädchens Naasra Yeti in hochzeitsartiger Kleidung. Auch der Junge Al Hasan Abukari, dessen türkisfarbiges T-Shirt sich vor dem grauen Hintergrund abzeichnet, ist unter den Porträtierten.

Pieter Hugo (geb. 1976, Südafrika) wurde mit den Serien Nollywood und The Hyena and Other Men (2007) bekannt. Seinen Stil kennzeichnen präzise inszenierte Porträts, das Interesse an Außenseitern und der Versuch, ihren Lebensstil zu dokumentieren. Ein ästhetisierender Effekt (eine Art slum-coolness in diesem Fall), die Ambivalenz seiner Bilder, gleichzeitig real und surreal, faszinierend und verstörend. Ich wusste ein bisschen was mich in der Ausstellung erwartet: die schon erwähnten “apokalyptischen Szenarien” und die “dahinter stehende ethische Fragestellung zu unserem rapiden Umgehen mit Technik“ (http://thephotographersgallery.org.uk/pieter-hugo). Ich besuchte die Ausstellung um zu sehen, ob das ganze Projekt auf dieser Ebene bleibt. Ob die Arbeiten nur sensationell und verstörend sind. Und ich traf auf etwas Unerwartetes: Hugos Videos.
Jeder der drei Fernseher, die sich ganz am Eingang des ehemaligen Turnsaals befinden, zeigt einen Jungen der versucht vor der Kamera eine gute Weile still stehen zu bleiben. Hinter dem Posierenden arbeiten seine Kollegen weiter, ganz ungestört, während Rauch von den brennenden Materialien aufsteigt. Am Anfang ist nicht sicher, ob es sich um ein Slow-Motion-Video handelt oder ein Bild. Die Video-Protagonisten erkennt man schon aus den Bilder an der Wand und es ist, als ob die Zuschauer Zeugen bei der Entstehung der Fotos werden. Wie wurden dann die Porträts aufgenommen? fragt man sich. Mussten die Jungs lange still bleiben, wie Exponate in einem Museum oder in einer ethnographischen Ausstellung? Eigenes Bild 3 (gross)

Die Videoarbeiten stellen die Stärke und die Schwäche der Fotografie in Frage. So z. B. den fast unmenschlichen Versuch, eine Person auf dem Stillstand zu halten, sie in ein unbewegtes Objekt zu verwandeln. Die Stärke dieser Bilder besteht darin, dass sie gleichzeitig Spannung und Stille erzeugen können. Es gibt etwas Berührendes in der langen Pose des Junges, der versucht die große Ladung auf seinem Kopf im Balance zu halten. Hugos Projekt reflektiert über Fotografie als Prozess, als Handel mit der Zeit. Und noch mehr: über Fotografie, die die Welt zum Stillstand bringt.

Die Permanent Error Serie setzt sich mit brisanten Themen, wie Globalisierung, Verwendung von Technik und Verschwendung auseinander und liefert dadurch eine Meditation über unsere Welt und unser Leben. Die Bilder zeigen Kontraste und damit werden auch Verbindungen aufgedeckt. Mit ihrem Fokus auf von kaputten Computern umgebenen Individuen, können die Fotos von Hugo auch als ein Zelebrieren des Lebens verstanden werden.

Noch kurz zum Schluss: die Fotos von Pieter Hugo befinden sich in der guten Begleitung der poetischen Bilder und Kleinvideoaufnahmen von Rinko Kawachis. Durch ihre Werke gelingt es beiden Künstlern uns eine Meditation über Dauer, Ausdauer und Lebenszeit anzubieten.

Deutsche Börse Photography Prize 2012
Pieter Hugo . Rinko Kawauchi . John Stezaker . Christopher Williams
10. November 2012 bis 13. Januar 2013

http://www.co-berlin.info/programm/exhibitions/2012/deutsche-boerse-photography-prize.html

Alle Bilder im Text: ©Pieter Hugo. Mit freundlicher Genehmigung von Stevenson, Cape Town and Yossi Milo, New York
Bild 1: Pieter Hugo, Untitled, Agbogbloshie Market, Accra, Ghana 2010
Bild2: Pieter Hugo, Yakubu Al Hasan, Agbogbloshie Market, Accra, Ghana 2009
Bild 3: Pieter Hugo, Naasra Yeti, Agbogbloshie Market, Accra, Ghana 2009

Kommentare & Bewertungen

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Helen Williams
Helen Williams am 10.09.2016 um 14:17 Uhr
This is so insane. The quality, the meaning behind it!

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