Die Wiederentdeckung der Stummhaftigkeit – The Artist und Hugo Cabret

Redrum, Redrum – nein, nicht Redrum ist das Wort der Stunde, sondern Retro. In diesem Sinne: Ehret den Anfängen! Site4 von Elmar Mertens (24.01.2012)
Titelbild

Auch wenn Kubrick ein unbestrittener Kinomagier ist, so schicken sich gleich zwei Filmemacher an, die verloren geglaubte Magie wieder zurück ins Kino zu bringen: Martin Scorsese, der gewiss schon seinen Namen hat und zusammen mit Hugo Cabret den Geheimnissen der ersten Stunden des Kinos hinterher spürt. Und Michel Hazanavicius, der vielleicht noch nicht bei einem ganz so großen Namen angekommen ist, dessen Name sich zu merken aber bereits lohnt. Mit The Artist hat er auf den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes Furore gemacht, obwohl sein Film gar nicht wild daherkommt, sondern wahre Liebe ist. Es ist die Liebe zweier Menschen auf der Leinwand und die Liebeserklärung eines Filmemachers an die Anfänge seiner Zunft.

In Hugo Cabret sehen wir durch die strahlend blauen Augen des kindlichen Helden: Hugo Cabret ist eine kindliche Waise, die in den 1930ern im Inneren eines Pariser Großbahnhofes lebt. Sein Vater ist bei einem Museumsbrand ums Leben gekommen und hat ihm einen sogenannten Automaton hinterlassen, einen kleinen mechanischen Menschen, der mittels eines komplexen Zahnrad-betriebenen Innenlebens imstande sein soll zu schreiben. Hugo erhofft sich eine Nachricht seines Vaters, sollte es ihm gelingen, die Maschine wieder ans Laufen zu bringen. Bei seinen Streifzügen durch den Bahnhof macht er die Bekanntschaft mit einem verbitterten alten Mann, der sich als niemand Geringeres als Georges Méliès herausstellt, einem der Pioniere des Kinos.

The Artist wiederum spielt wenige Jahre vorher an der Schwelle vom Wechsel von Stumm- zu Tonfilm. Im Mittelpunkt der Geschichte steht der Namen gebende Artist, ein Künstler, der sein Handwerk versteht, zu gefallen weiß und dementsprechend von sich eingenommen ist. Doch der eben noch gefeierte Stummfilmstar fällt tief, da er so von sich und dem Kino der großen Epoche überzeugt ist, dass er die Zeichen der Zeit nicht zu deuten vermag und so beim Übergang zum Tonfilm untergeht.

Die Vergleichspunkte dieser beiden hoch erwarteten Filme liegen auf der Hand: Beide Filmemacher haben es sich zur Mission gemacht, die Ursprünge des Kinos wieder in den Fokus zu rücken. Während das Was bei beiden ähnlich ausfällt, also die Wiederbelebung einer vergangenen Epoche des bewegten Bildes, gehen sie im Wie einen gänzlich anderen Weg, begeben sie sich an die entgegen gesetzten Enden, das Was einzufangen. Michel Hazanavicius lässt seinen Film konsequent mit den archaischen Mitteln des Stummfilms argumentieren (eine Sequenz, in denen Ton eine Rolle spielt, dient lediglich der ironischen Konterkarierung), wohingegen Scorsese sich der neuesten Technik bedient, um seine Vision zum Leben zu erwecken. Dabei sei betont, dass das Archaische nicht als das Negative konnotiert werden soll. Kommen wir nun zum Warum, zur Motivation der beiden Regisseure. Warum kramen sie die Ursprünge des bewegten Bildes (Scorsese) bzw. die Epoche des Stummfilmes (Hazanavicius) hervor? Nun, es geht ihnen um nichts weniger als die Wiederverzauberung der (Kino-)Welt. Wie in der Romantik, woher dieser Begriff stammt und deren Haupttriebfeder er zumindest in ihrer frühen Phase war, geht es den beiden Regisseuren um eine Rückbesinnung und Neubewertung. Filme sind Massenware geworden, ohne sich ihre Klasse zu wahren. Auch früher wurden Filme wie am Fließband produziert, doch die Innovationskraft gepaart mit der ihnen immanenten Hingabe herrscht zuzeiten des Direct-to-DVD-Modus und der Bigger-than-…-Mentalität nur noch am Rande. Einige wenige Perlen werden von den Säuen in den Schlamm gedrückt. Und wo früher der Kampf gegen die Philister und deren Mentalität des Angepasst-Biederen geführt wurde, wird nun mittels Hugo Cabret und The Artist gegen die aufgeblähte Oberfläche seelenloser Filmprojekte angekämpft. Im Falle von Hugo Cabret gar mit den eigenen Mitteln in 3D (wenngleich durch stereoskopische Filmaufnahmen gegenüber der „billigen“ 3D-Konvertierung). Auch wenn der Ansatz von Hugo Cabret die Verschmelzung bestechender 3D-Optik mit dem Wiederauflebenlassen alter Welten zum synergischen Zwecke vollzogen wurde, sind die Stärken des Filmes in eben jenen Momenten geborgen, wo wir zusammen mit Hugo Zeuge werden, wie die Pioniere des Kintopps ihre Zauberhaftigkeit offenbaren und wir jungfräulich unbedarft und staunend aufjauchzen dürfen ob der Wunder, derer wir wieder habhaft sein dürfen. Kein Rousseausches „Zurück zur Natur“, aber „Zurück zur Wiege des Kinos“. Die Zeit, als Chiffre im Film von eminenter Wichtigkeit, verbindet damals und heute.

The Artist ist hingegen ganz der Vergangenheit verhaftet und emanzipiert sich dennoch von der Zeit; er fällt nicht aus der Zeit, er spielt sich aus dieser hervor und schafft so die Rückbesinnung. Er ist ein Wunder kraft des Vorbekannten, dessen wir nun wieder gewahr werden dürfen. Selbst ohne Worte ist The Artist unbeschreiblich; im Schönen, im Einfühlsamen lässt er uns teilhaben am Wunder des Bild gewordenen Idealen. Und er ist reich an ikonischen Bildern (allein wenn das Starlet Peppy Miller sich selbst mit dem Anzug von George Valentin zärtlich umarmt). In seiner Schönheit schenkt er sich selbst.

Hollywood scheint auch die Zeichen der Zeit – bzw. das Zurückdrehen derselbigen – erkannt zu haben: So wurde The Artist für 10, Hugo Cabret gar für 11 Oscars nominiert; beide Filme konkurrieren sowohl um den Besten Film sowie die Beste Regie.

Deine Zauber binden wieder, was die Mode streng geteilt…

 

Trailer zum Film: 

http://www.moviepilot.de/movies/the-artist/trailer

http://www.moviepilot.de/movies/die-entdeckung-des-hugo-cabret/trailer

Bilder: The Artist © Delphi Filmverleih | Hugo Cabret © Paramount Pictures

The Artist läuft ab dem 26.o1.2012 in den deutschen Kinos, Hugo Cabret ab dem 09.09.2012.

Weitere Filmbesprechungen findet ihr unter: http://www.artiberlin.de/magazin/films

 

Über den Autor

Elmar Mertens hat sich auch unter unzähligen Pseudonymen (u.a. E.L. Merteng) bisher noch keinen Namen gemacht. Wenn er nicht gerade für ARTiBERLIN über Filme schreibt, tut er dies als Moviepilot. Sehr gerne. Wenn es den Spruch „Dafür werden Filme gemacht.“ noch nicht geben würde, Elmar hätte ihn gerne erfunden.

 

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