Liebe Chahdortt Djavann,
Ihr Buch soll ein Roman sein, sagen Sie. Warum, kann ich offen gestanden nicht ganz nachvollziehen. Ich las die großzügig formatierten 100 Seiten während einer halben Zugfahrt. Zeit, die derart schnell verfliegt, ist labend; jedoch nimmt eine solche Kürze der inhaltlichen Relevanz die Möglichkeit, sich belletristisch voll zu entfalten. Dazu tarnen Sie die spezielle fikionale Geschichte im Gewand absoluter Realität, indem Sie die Anmerkung einer französischen Journalistin vorwegschicken, welche von dem Manuskript erzählt, das man ihr vermittelt habe - das Tagebuch der 15-Jährigen Fatemeh.
Diese sitzt im iranischen Gefängnis und wartet auf den ungewissen Zeitpunkt ihrer Hinrichtung. Um tatsächliche Angst vor dem Tod zu verspüren, ist sie noch zu jung, zu abstrus scheint ihr die Vorstellung von dem, was unausweichlich ist. In dem kleinen Heft, welches sie bei sich hat, schreibt sie die Geschichte von sich und ihrer Tante nieder, um deren außergewöhnliches Schicksal als Vermächtnis für die Nachwelt zu bewahren. Die "Stumme" Genannte hat nach einem traumatischen Erlebnis in ihrer Kindheit das Sprechen aufgegeben. Als verwirrtes Wesen abgestempelt, kann sie ihrem Freiheitsdrang stärker nachgehen als andere iranische Frauen, so weigert sie sich, das Kopftuch zu tragen, von dem Sie, Chahdortt, sagen, es sei wie ein gelber Stern. Beide Frauen streben nach für sie unerreichbaren Zielen wie Liebe oder Bildung und müssen sich letztendlich durch Aufbegehren gegen das System den härtesten Strafen aussetzen.
Die Brisanz von Fragen der Frauenunterdrückung und antiquierten Riten der Gewalt, die das alltägliche Leben von im Iran lebenden Musliminnen bestimmen, tritt deutlich zu Tage, allerdings sind der kindlich-simple Sprachstil und die Knappheit Ihrer Fantasiegeschichte in meinen Augen nicht das Medium, das sich am besten dafür eignet, Aufklärung und Kritik zu äußern. Das Wissen über die Zustände ist vorhanden, weshalb in einem anderen tiefergehenden Format ein bleibender Eindruck denkbar wäre.
Gerade durch Ihre persönliche Biographie, Chahdortt, samt Flucht aus dem Iran nach Frankreich und essayistischen Auseinandersetzungen mit der islamischen Religion und deren radikalen Auswüchsen, hatte ich mir mehr erhofft.
U.
Traurigkeit überfiel mich, denn ich begriff, dass ich sie verlieren würde, bald würde sie nicht mehr mir gehören, sondern meinem Onkel. „Werde ich euch jeden Tag besuchen dürfen?“ Mir liefen Tränen übers Gesicht. „Das ist die Rührung“, sagte ich. Sie nahm mich in die Arme und drückte mich ganz fest, mit denselben liebevollen Armen, die meinen Onkel umschlungen hatten. Ich weiß nicht warum, aber meine Tränen flossen unaufhörlich weiter, obwohl ich mich auf wunderbare Weise glücklich und geborgen fühlte.
Chahdortt Djavann – Die Stumme
erschienen bei Goldmann Verlag, München 2010
gebunden 14,99€
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Über die Autorin:
Ulrike Bauer studiert "Medien und politische Kommunikation" im Master an der FU Berlin. Im Bachelor befasste sie sich u.a. mit Sozial- und Kulturanthropologie, welche Fragen der Globalisierung und kultureller Differenzen behandelt. In ihrer Literaturreihe geht es vornehmlich um das Schaffen von Autorinnen aus Südamerika, Afrika und Asien.
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