Der Gott des Gemetzels – ein zeitgemäßes Phänomen?

Im neuen Film von Roman Polanski, Gott des Gemetzels, wird dem Zuschauer der Eulenspiegel vorgehalten. Site4 von Elmar Mertens (29.11.2011)
Titelbild

Homo homini lupus (der Mensch ist des Menschen Wolf) lautet ein Spruch, der dem Staatstheoretiker Thomas Hobbes zugeordnet wird und Ausdruck dessen sein soll, wie es um die wahre Natur des Menschen steht: Wenn es nicht die von Menschen gemachten Gesetze gäbe, würde sich der Mensch innerhalb kurzer Zeit zerfleischen. Diese Prämisse findet sich auch in Roman Polanskis neuem Film Der Gott des Gemetzels bestätigt, der auf dem gleichnamigen Theaterstück der Französin Yasmina Reza basiert. Das gegenseitige Zerfleischen beschränkt sich allerdings auf das Verbale. Dennoch offenbart der Gott des Gemetzels die Grenzen des Zivilisierten.

ConstaninIm Mittelpunkt des Films stehen die Ehepaare Penelope und Michael Longstreet (Jodie Foster und John C. Reilly) und Nancy und Alan Cowan (Kate Winslet und Christoph Waltz), die sich getroffen haben, um den Streit ihrer beiden Söhne zu lösen. Diese hatten sich nach der Schule in die Haare bekommen, was für Penelopes und Michaels Sohn Ethan mit dem Verlust eines Zahnes endete.

Die Erwachsenen geben sich zunächst den Anstrich rationaler Wesen, doch die Fassade bröckelt zusehends – zur Schadenfreude der Zuschauer. Eigentlich entzündet sich der letztlich offene Schlagabtausch bereits in der ersten gemeinsamen Szene an einem Formulierungsfehler (war der Nancy und Alans Sohn Zachary nun „bewaffnet“ oder nur mit einem Stock „ausgestattet“?), versteckt sich aber zunächst noch als Schwelbrand. Der möglichen Verhandlung abträglich ist dabei nicht nur die politische Überkorrektheit Penelopes (Foster am Ende am Rande des Nervenzusammenbruchs), sondern auch das schon krankhaft zu nennende Telefonierverhalten von Alan (Waltz herrlich süffisant). Was sich Bahn bricht ist nicht nur eine Frontenverschiebung, sondern ein Stellvertreterkrieg, infolge dessen der eigentliche Grund der Auseinandersetzung immer mehr in den Hintergrund rückt, um Platz zu machen für Walzen-Wettstreit: Wer macht wen am besten platt? Gerade die um ihre Integrität bemühte Penelope zeigt dabei die größten Auflösungserscheinungen.

Unter der Oberfläche wartet der tierische Kern der Menschen, hervorzubrechen, um den Gott des Gemetzels anzubeten, wie Alan seinen Gott preist.Constantin

Dramaturgisch bietet sich der Vergleich mit einem sexuellen Bild im mehrfach verzögerten Höhepunkt.

Der häufig gebrauchte Begriff der bitter-bösen Satire findet auch hier seine Berechtigung, denn es ist schon bitter zu sehen, wie sich der sogenannte zivilisierte Mensch die Blöße nackter Affen gibt. Und es ist böse vom Autoren bzw. der Autorin, sich derart an diesem Affenzirkus zu weiden, den die zwei Ehepaare bieten.

Die Inszenierung von Gott des Gemetzels ähnelt der eines Theaterstückes (Einheit von Ort und Zeit), was nun eindeutig dem Charakter der Vorlage geschuldet ist, aber auch kein Problem darstellt. Zu sehr nimmt einen der verbale Schlagabtausch und das gut aufgelegte Spiel der Akteure gefangen. Dennoch ist die kurze Dauer von 79 Minuten von Vorteil, die Straffung lässt keine Längen oder Wiederholungen zu. Ein besonderes Vergnügen stellt die Ensemble-Leistung der Darstellerriege dar, alles gestandene Schauspieler, alle wunderbar aufgelegt.

ConstantinAm Ende sind alle Fronten geklärt, doch der Streit ist bei weitem nicht beigelegt. Ganz anders bei den Kindern, die man wieder friedlich vereint sieht.

So schließt der Film, wie er begonnen hat – nur mit umgekehrten Vorzeichen.

 

Vielleicht sind Kinder einfach die besseren Erwachsenen.

 

 

Trailer zum Film: http://www.moviepilot.de/movies/der-gott-des-gemetzels/trailer

Bilder: © Constantin

Der Gott des Gemetzels läuft seit dem 24.11.2011 in den deutschen Kinos.

Weitere Filmbesprechungen findet ihr unter: http://www.artiberlin.de/magazin/films

 

Über den Autor

Elmar Mertens hat sich auch unter unzähligen Pseudonymen (u.a. E.L. Merteng) bisher noch keinen Namen gemacht. Wenn er nicht gerade für ARTiBERLIN über Filme schreibt, tut er dies als Moviepilot. Sehr gerne. Wenn es den Spruch „Dafür werden Filme gemacht.“ noch nicht geben würde, Elmar hätte ihn gerne erfunden.

 

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