"Das kunstseidene Mädchen" im Theater Aufbau Kreuzberg

Titelbild

Der 1932 entstandene Zeitroman der Autorin Irmgard Keun ist von Regisseurin Cornelia Grünberg und Schauspielerin Ursula Maria Schmitz in einer neuen Fassung auf die Bühne des TAK übertragen worden.

Das Ziel der Macher der Inszenierung liegt darin, Parallelen zur Gegenwart zu finden und die Grenzen zwischen Film und Bühne als auch zwischen Realität und Fiktion verschwimmen zu lassen. Die Geschichte der Protagonistin Doris, die danach strebt, einmal "ein Glanz" zu werden, und dabei die Extreme des Größenwahns und desillusionierter Stumpfheit gleichermaßen steift, bietet genug Identifikationspotenzial, um die heutige junge Generation anzusprechen. Jedoch vertrauen Grünberg und Schmitz dabei weitgehend der originalen Textvorlage und zwingen dieser dankenswerter Weise keine direkten Modernisierungsbezüge auf. Assoziationen zum heutigen Casting-Zeitalter der Kommerzialisierung von künstlerischer Selbstverwirklichung sind auch so offensichtlich.

Es braucht eine Weile, um das Spiel von Ursula Maria Schmitz in seiner zurückgenommenen, verträumten Art auf sich wirken zu lassen. Ist man anfänglich noch irritiert vom leisen, durch Lautsprecher hörbaren Selbstgespräch, das sich nicht an das Publikum richtet, sondern allenfalls an die am Schminktisch installierte Kamera, entwickelt sich im Laufe des Stücks eine sich stetig steigernde Wertschätzung dieser Variante. Intimität entsteht zudem durch den Blick auf die einsame Garderobe der als "nicht mehr ganz jung" angekündigten Sängerin Doris und den Einsatz von projizierten Filmszenen, welche die melancholischen Stimmungsschwankungen klug untermalen. Die Liebe zu Berlin (mit Angst in den Knien) wird deutlich, wenn sie im 30er Jahre-Gewand im heutigen Bahnhof Friedrichstraße auf einer Bank verweilt. Die Liebe zu den Männern hingegen gestaltet sich als noch schwieriger; nach einigen vergebenen Mühen, wünscht sie sich, mal ganz ohne Raffinessen und Keckheiten gefallen zu können. Verträgt das ein Mann? "Ja", meint der Angesprochene, "Ich glaube nicht", gibt sie zurück.

Wenn auch der Beginn um einiges straffer hätte sein dürfen, so überzeugt die Darbietung der allein agierenden Schauspielerin am Ende umso mehr. Dies liegt weniger an den beabsichtigten Gegenwartsbezügen wie der Wirtschaftskrise oder dem Geltungsdrang von durchschnittlich Begabten, sondern daran, dass es gelingt, Atmosphäre zu schaffen, welche gefangen nimmt.

Das Aufbau Haus am Moritzplatzes verbindet Kultur mit Kreativindustrie. In den oberen beiden Etagen befindet sich die Verlagsgruppe um den Aufbau Verlag, die auch das Theater Aufbau Kreuzberg, betreibt. Auf dem Spielplan des Theaters stehen Veranstaltungen wie Performances, Buchpräsentationen und Weltmusik, die in Zusammenarbeit mit der Galerie Kai Dikhas realisiert werden. Den Kern für die Kreativindustrie stellt Planet Modulor. Neben Coledampf’s & Companies präsentiert sich in einem der großen Schaufenster auf der Prinzenstraße die weltweit einzige begehbare Selbstportraitkamera Imago 1:1 in einem eigens hierfür entworfenen öffentlichen Kunstraum.


Weitere Vorstellungen am 27. und 28. Januar, am 2., 3. und 4. Februar sowie am 1., 2. und 3. März 2012

Theater Aufbau Kreuzberg, Prinzenstr. 85F, 10969 Berlin

www.aufbauhaus.de

 

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Über die Autorin:
Nachdem sie sich in ihrer BA-Arbeit mit Fragen des Exiltheaters in Zürich beschäftigt hat, studiert Ulrike Bauer seit kurzem "Medien und politische Kommunikation" im Master an der FU Berlin. Der Drang, das Bühnengeschehen in seiner Vielfalt zu erkunden, entwickelte sich zu Zeiten der Adoleszenz mitten in der mecklenburgischen Provinz und findet nun seit vier Jahren im einmaligen Berliner Angebot stetig neues Futter.

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