Es gibt Menschen, die werden immer älter. Auch ich dachte immer älter zu werden, ich werde nämlich immer langweiliger. Diese beiden Dinge sind für mich untrennbar miteinander verbunden. Seitdem ich 20 war besuchte ich wöchentlich die Sitzungen der anonymen Langweiler. Treffpunkt geheim, soll ja anonym bleiben. Dort erzählten wir uns Witze und versuchten uns die spannensten Geschichten des Alltags gegenseitig schmackhaft zu machen. Leider endete dieses Vorhaben oft in Schweigsamkeit. Als ich einmal zu spät zur Sitzung kam, weil ich vor lauter Langeweile das Haus nicht verlassen konnte, brach ich direkt in einen Witz hinein.
"Sitzen ein Chinese, ein Amerikaner und ein Russe zusammen im Flugzeug....", sagt der eine Langweiler in die Runde. Sagt der andere: "Den kenne ich auch: Sitzen ein Deutscher, ein Engländer und ein Türke zusammen im Flugzeug..." Ich kenne den zwar auch, den Witz, allerdings mit einem Polen, einem Australier und einem Franzosen, aber irgendwie wollte ich den nicht auch noch erzählen. Wir konnten uns nicht helfen, treffen uns aber immer noch regelmäßig anonym im Netz: https://www.facebook.com/pages/Club-der-anonymen-Langweiler/211938032203703
Als Maßstab des Alterns bedarf es ja auch immer eines Geburtstages. Meiner ist nächste Woche. Ich habe auch schon eine Einladung an meine Freunde verschickt:
"Liebe Freunde und Bekannte, ich werde älter und würde das gerne mit euch betrinken. Wie immer im „Primitiv“. Der einzigen Bar, die mit ihrem Namen hält, was sie verspricht.“.
Ich bin einfach ein Gewohnheitstier. Jedes Jahr dieselbe Bar. Zudem haben mich auch Meinungen anderer Langweiler überzeugt, an meinem Geburtstag alles beim Alten zu belassen. ("Neukölln? Spinnst du? Da feiern wir nicht! Wir wohnen in Friedrichshain! Das Taxi kannst du dir sparen.")
Ich beendete die Einladung mit einer meiner Binsenweisheiten: "Die Nacht ist jung, genau wie wir!"
Ich freute mich auf meinen gediegenen Geburtstag, an dem weder getanzt noch geknutscht würde. Es gibt nämlich eine Laune, in der ich noch nie war: In Partylaune. Ich drückte auf Senden, aber die Rückmeldungen blieben aus – auch eine Antwort. Ich war also noch langweiliger als all meine Freunde. Vielleicht war ich ihnen mittlerweile auch einfach zu primitiv. Per se stand nun also für mich fest: Ich musste etwas an meinem Leben ändern, bevor mein Grabstein mit den Worten: "Sie war zwar nett, aber langweilig." geziert würde. Ich war in einer verfrühten Midlife Crisis. Oder waren es die Wechseljahre? Ich war gezwungen mir fünf Schritte zu überlegen, die mich vor dem vorzeitigen Ableben retten würden. Die Liste trug den Titel: Gnadenlose Verjüngung!
Punkt 1. Ich gehe wieder zur Uni.
Punkt 2. Ich vernichte alle Tagebücher samt meines Personalausweises, da sie als eindeutiger Nachweis meines eigentlichen Alters geltend gemacht werden können. Mein Abiturzeugnis lasse ich von einem Profi fälschen.
Punkt 2a. Ich schmeiße mein iPhone ins Klo und kaufe mir ein Klapphandy.
Punkt 3. Ich bitte die Verkäuferinnen an den Kassen beim Alkoholkauf nach meinem Alter zu fragen.
Punkt 4. Ich trete aus dem Club der anonymen Langweiler aus.
Punkt 5. Ich werde stattdessen Teil irgendeiner Fachschaft an der Uni.
Punkt 1: Seit der Einführungswoche in der Uni fühle ich mich nun auch schon fast wieder wie 19. Ich erzähle mit Vorliebe von den verschiedenen WGs in denen ich mit Alkopops und Pfeffischnäpsen versacke, lebe von 100 Euro im Monat und probiere unterschiedliche Haarfarben aus. Zurück in die Jugend. Zurück in die Zeit wo das Sterni nicht getrunken, sondern gekippt wurde. Jung sein und alle Fehler schon begangen haben. Genau so fühle ich mich. Aus der Midlife Crisis hätte eine Hochphase werden können. Nur hatte ich in meiner Planung Schritt 6 vergessen: Meine Mutter dazu zwingen, mein Geburtsjahr zu vergessen.
Das Telefon klingelt und sie ruft mich zum wiederholten Male an, um mit mir die Gestaltung meines Geburtstages zu besprechen. Jedes mal, wenn die Welt sich genau so oft gedreht hat, dass mein Geburtstag wieder auf ein Wochenende fällt, kommt meine Mutter mich besuchen. "Hallo mein Schatz, also ich hab in der "Essen und Trinken" noch ein wahnsinns Rezept gefunden! Umgedrehter Kürbis mit Sahne-Rahm-Füllung im Erbsenbett. Ich poste dir das gleich mal auf Facebook. Das kann ich schon heute vorbereiten und nächste Woche zu deinem Geburtstag mitbringen! Du hast die Zeitung ja auch im Abo, ich blättere die sonst bei dir nochmal durch." Punkt 7 hatte ich wohl auch vergessen: All die Abos von Frauen- und Haushaltszeitschriften abbestellen. "Du Mama, ich muss jetzt los. Ich geh in die Uni, weißt du doch. Zu meinem Geburtstag kommen nur Erstsemestler, denen reichen Chips und Flips. Und mir übrigens auch."
Ich lege schnell auf, zieh mir meine orangenen Chucks an und fahre mit meiner kaputten Jeans in die Uni. Schade, seitdem ich einen Studentenausweis habe, kann ich gar nicht mehr schwarzfahren. Schluss mit Rebellion. Ich setze mich in den Vorlesungssaal und male mit meinem Kuli unterschiedliche Antifa-Symbole auf das Ausklapptischchen. Meine Sitznachbarin guckt angeekelt zu mir herüber. Immer wieder stoße ich auf das Problem, das die Jugend auch nicht mehr das ist, was sie mal war, ich aber nur der Jungendliche sein kann, der ich damals auch schon war. Ich klappe den Tisch zu und hole meinen Collegeblock heraus. Ich würde meiner Sitznachbarin gerne Zettelchen schreiben, aber die Jugend von heute schreibt sich wohl auch lieber Posts auf Facebook. Wie meine Mutter. Das Netz scheint mir zeitloser als die Jugend zu sein. Das kleine Mädchen mit rundlichem Gesicht und pubertären Pickelchen auf der Stirn holt ihr iPhone aus ihrer Tasche. Mist, mit Punkt 2a auf der Liste lag ich falsch. Ich musste mir ein neues zum Geburtstag wünschen.
Wieder zu Hause angekommen, lege ich mich erst einmal gemütlich in mein Bett. Der Tag hat mich ganz schön geschafft. Ich schalte den Fernseher ein, zieh mir noch schnell die Jogginghose über und schlafe sofort ein. Eigentlich wollte ich meine Unterlagen verbrennen (Punkt 2) und danach zur Erstsemester-Party gehen, um ein paar neue Leute kennenzulernen und mal wieder richtig zu tanzen und so. Geh ich halt nächstes Semester, läuft ja nicht weg. Auch am nächsten Tag mache ich nach der Uni nichts, sondern schlafe sofort wieder ein. Ich befürchte, dass das so weitergehen wird. Die Jugend macht mich wirklich fertig. Hinzu kommt, dass meine alten Freunde - denen ich eigentlich schon gesagt habe, dass ich mit ihnen auf Grund unseres zu großen Altersunterschieds nicht mehr verkehren möchte - mich trotzdem weiterhin anrufen. Meine Mutter will mir irgendwie auch nicht glauben, dass ich 1992 und nicht 1984 geboren bin. Ich drucke mir als letzten Versuch, endlich wieder jung zu sein, einen schönen Kalenderspruch aus und lasse eine Postkarte daraus machen: „Die Jugend ist eine Einbahnstrasse“. Wunderschön. Kommt über das 90 cm-Bett, das ich gegen das 1,60m breite eingetauscht habe.
Als ich am Abend vor meinem Geburtstag einschlafen möchte, hindert mich meine kindliche Aufregung daran. Vielleicht hat es aber auch etwas mit der Breite des Bettes zu tun, an die ich mich noch nicht richtig gewöhnt habe. Ich fühle mich tatsächlich jung, aber irgendwie zu jung. Eher wie eine Fünfjährige. Als ich aufwache, ist es so weit. Ich bin 27 Jahre alt. Ich schaue in den Spiegel und fühle mich eigentlich wie immer. Eher wie 40. "Alex, du bist immer so alt wie du dich fühlst", denke ich mir. Und ich fühle mich halt eher wie 40 als wie 14. Deshalb lebe ich auch in einer glücklichen Beziehung mit einem 50-jährigen Mann und wurde von Sandra Maischberger in ihre neue Sendung zum Thema: „Wo die Liebe hinfällt“ eingeladen. Alles hat Vor- und Nachteile.
Als ich in der Bar ankomme, sind all meine Freunde schon da – Altersdurchschnitt: 30. Mein Freund kommt erst später. Sie haben einen Schokoladenkuchen mit 27 Kerzen in die Mitte des Tisches gestellt. Den Rest des Abends taucht kein einziger meiner Kommilitonen auf, die hatten wohl etwas Spannenderes vor. Meine beste Freundin schenkt mir eine Postkarte, auf der steht: „27 ist das neue 18“. Meine Mutter schenkt mir ein „Schöner wohnen“- Abo. Ich bin gerührt. Ich werde sentimental. Ich werde älter. Aber wisst ihr, wo ich gefeiert habe? In Neukölln und nicht in Friedrichshain.
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