Buchrezension: "Banatsko" von Esther Kinsky

Titelbild

Liebe Esther Kinsky,

Ihr Buch liegt mir nicht, auch wenn ich es mag. Sie haben dem bereits durch Herta Müller bekannten Banat, dem Fleckchen Erde zwischen Ungarn, Serbien und Rumänien, eine Art langes Gedicht gewidmet. Sie verstehen es, die Farben, Formen und Atmosphären präzise zu beschreiben. Die leise Traurigkeit, das einfache Leben, die gelb-braune Nasskälte fügen sich zu einem komplexen Bild dieses Dreiländerecks, welches vor meinem inneren Auge zu schweben beginnt. Figuren und Handlung jedoch bleiben schemenhaft und verschwinden hinter der alles überwältigenden Kulisse verschiedener Städtchen und Dörfer. Aus diesem Grund will mir das Menschliche, das Greifbare nicht nahekommen, oder ist das Banat tatsächlich nur entrückte Landschaft?

Die Melonen waren merkwürdige Gewächse. Erst sahen sie aus wie Schwellungen der Erde, dann wie runde, in sich gehüllte Tiere, die aus der Erde emporgekrochen sind. Dann lagen sie still und warteten, bis der welkende Strang, der sie mit dem Land ihrer Geburt noch verband, durchtrennt wurde.

Diese Entmenschlichung ist besonders bemerkenswert, da Sie aus Ihrer Perspektive heraus über eigens Erlebtes berichten. Sie verbrachten 15 Jahre in London und leben mittlerweile teils in Berlin, teils in Battonya. Orte, die wahrscheinlich nicht viel gemeinsam haben außer der allgegenwärtigen Möglichkeit von Melancholie. Sie erwähnen die „Verwilderung Ihres Herzens“, in welchem sich eine zunehmend zerklüftete Landschaft mit jedem neuen Schmerz herausbildet. Hier im leeren Grenzland kann ein Herz „geschliffen“ werden, sagen Sie. Bei seitenweiser Dokumentation von Gegenden, die von Ihnen mit einer ruhigen Langsamkeit ausgebreitet wird, hätte ich mir von derlei Andeutungen mehr gewünscht. So jedoch empfinde ich „Banatsko“ eher als einen Reiseführer von sprachlich außergewöhnlicher Qualität.

Wie fand man sich zurecht in einem so unwägbaren Landstrich? Wo ließ das Herz sich nieder zwischen so Namenlosem, wo hielt sich das Auge fest, zwischen Staub und Sumpf, wenn nicht am Horizont, der aber doch unweigerlich das Nicht-hier ist? Vor dem die Ruhe und die Ruhelosigkeit zu einem wurden?

U.

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