Buchkritik: Das andere Geschlecht von Simone de Beauvoir Serie: Frauen oder was?

Titelbild

Hochgeschätzte Madame de Beauvoir,

jetzt stellen Sie mich aber vor eine gewaltige Herausforderung! Ihr Werk „Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau“ ist mit seinen 900 Seiten nicht dazu bestimmt, innerhalb eines einzigen Beitrages dessen intellektuelle Fülle zu analysieren.
Es existiert meines Erachtens kein vergleichbares Fachbuch, in welchem das ‚Frausein‘ derart detailliert aufgefächert wird, wie in Ihrem. Ich staune stets von Neuem, wie unfassbar belesen und blitzgescheit Sie doch waren, Madame de Beauvoir.
Von vornherein nehmen sie das weibliche Dasein als eine ungünstige Situation – nicht aber als ein Schicksal an.  Der rote Faden Ihres Schaffens beschränkt sich auf die stete Kritik am Mann und an der ständigen Unterordnung der Frau. Trotz meiner tiefen Bewunderung an Sie, empfinde ich Ihr Schreiben partiell recht einseitig. Dazu aber später.
Ausholend über die Zellteilung, der Befruchtung etc. beginnen Sie zunächst mit den biologischen Gegebenheiten und reichen bis hin zu den verschiedenen Situationen und Rollen, die einer Frau inne liegen. Ich bewundere die gründliche Recherche, die Sie betrieben haben müssen um dieses Komplex zu erfassen. Auch mit Zitaten diverser Schriftsteller knausern Sie nicht. Hier erkenne ich die Simone de Beauvoir wieder, wie Sie sich selbst in Ihrer Autobiographie „Memoiren einer Tochter aus gutem Hause“ beschreiben. Die Bibliothek des Vaters  als Versteck vor den Konventionen, denen Sie sich schon früh nicht beugen wollten. Eine de Beauvoir, die bei Zeiten alles las, was ihr in die Finger kam.
Über den psychoanalythischen Standpunkt hinaus verwenden Sie recht gern die Freud’schen Thesen. Auch der „Penisneid“ der Frau ist ein Thema. Und ich kann stark Ihre Zustimmung zu dieser Überlegung herauslesen. So zitieren Sie: „Die Frau empfindet sich als ein verstümmelter Mann“. Ob dem allgemein so sei, darüber lässt sich wie eh und je streiten.
Sehr ausführlich tauchen Sie auch in die Geschichte ein. Ein wenig zu tiefgründig, wie ich finde. Nach unzähligen Seiten erschließt sich dem Leser letztendlich ein altbekanntes Credo: die Macht lag schon immer beim Mann, in jeglicher Hinsicht. Die Frau war seit Urzeiten abhängig von ihm.
Oft wiederholen Sie Ihre Aussagen oder schmücken ein Thema übermäßig aus. Ursprünglich wollen Sie häufig nur eine simple These ausdrücken. Das bremst beim Lesen - zeugt aber gleichsam von dem immensen Wortschwall, der damals in Ihrem Kopf gewesen sein muss und stets den Weg nach draußen suchte.
 Im „Zweiten Buch“ beschreiben Sie den sozialistischen Werdegang einer Frau. Das Kapitel „Kindheit“ leiten Sie schließlich mit dem Kernsatz ein, der die Menschheit bis heute geprägt hat und auf den sich die Frauen immernoch gern berufen: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es“. Freilich wird das Mädchen schon früh als Hausfrau und Mutter herangezogen. Nicht selten hören sie Sätze wie: „Wenn Du mal Kinder hast…“, „Wenn Du mal einen eigenen Haushalt führst…“. So prägt sich das vermeidlich rechte Wissen um die eigene Rolle ein. Entweder man fügt sich – so wie es eine Mehrzahl der Frauen tut. Oder man beginnt zu rebellieren und einen eigenen Lebensweg zu suchen. Doch im 21. Jahrhundert, liebe Madame de Beauvoir, ist nun vieles einfacher. Feminismus ist ein bisschen ‚in‘ geworden. Sie hätten Ihre helle Freude! Im Klappentext heißt es, Ihr Werk hätte nicht an Gültigkeit verloren. Dem kann ich nicht zustimmen. Viele, zu Ihrer Zeit aktuellen Werte, sind heute veraltet. Hier komme ich nun zu meiner Kritik der Einseitigkeit Ihres Werkes: Sie pauschalisieren schlichtweg. Wer sagt, beispielsweise, dass es nicht auch Frauen gibt, die Spaß an der Sexualität mit dem Mann haben. Ja, manche Frau hegt sogar nymphomanische Züge. Gewiss ist die Machtposition beim Koitus wieder einmal von vornherein klar: der Mann behält die Überhand. Ich stimme Ihnen im folgenden Punkt zu: die Ejakulation ist biologisch gesehen für ihn notwendig und von Beginn an das Ziel des Beischlafs. Für die Frau ist letzteres nur ein psychischer Aspekt, eine sexuelle Vollendung wird es für sie niemals geben. Sie ist, ob sie will oder nicht, der passive Part der sexuellen Vereinigung zwischen Mann und Frau. Sie schreiben: „…er bestimmt Dauer und Häufigkeit des Koitus. Sie fühlt sich als Werkzeug: alle Freiheiten liegen beim andern.“
Auch die körperliche Entwicklung eines jungen Mädchens geht nicht zwangsläufig mit einem Schamgefühl einher. Es gibt durchaus junge Frauen, die sich ihre Entwicklung gar nicht bewusst gemacht haben, die das körperliche Reifen hingenommen haben, ohne intensiv darüber nachzudenken. Ich muss Ihnen ebenso widersprechen wenn Sie schreiben: „Die Frauen glauben, dass alle strahlenden Triumphe Männern vorbehalten sind, und wagen es gar nicht erst, sich selbst ein höheres Ziel zu setzen.“ Ich kann mir denken, dass es zu Ihrer Zeit, im frühen 20. Jahrhundert, noch immer so war. Jetzt allerdings etabliert sich die „Karrierefrau“. Immer mehr Frauen sind mutig genug, die Priorität auf den Beruf zu legen. Nun aber taucht ein anderes Problem auf: die Vereinbarung von Familie und Karriere. Immer mehr Frauen bleiben kinderlos und leben ein Leben, wie es für die damaligen Verhältnisse wohl unvorstellbar gewesen wäre. Ich wüsste zu gern, was Sie darüber denken würden.
Ferner beschreiben Sie die Frau als bloßen „Schmuck“ innerhalb der Gesellschaft, gehen auf die Lesbierin und die Prostituierte ein, beschreiben die alternde Frau, die zu neuem Leben erwacht und eine spezielle Zuneigung zu jungen Leuten entwickelt. Letzteres ist interessant: Die Frau wird unabhängig, sobald beide Ehepartner in den Ruhestand gehen: „Sobald der Mann seine öffentlichen Funktionen verloren hat, wird er vollkommen nutzlos, während die Frau wenigstens die Führung des Hauses bewahrt. Sie wird von ihrem Mann gebraucht, er dagegen ist nur noch eine Last. […] In keinem Lebensalter gelingt es ihr, gleichzeitig schaffend und unabhängig zu sein.“

Ach, Madame, gerne würde ich noch viele umfangreiche Analysen anstellen. Doch das würde den Rahmen sprengen.
Ihr Schriftstück ist ein Meisterwerk, das unbegreiflich macht, wie Männer und Frauen immer wieder zueinander finden. Ich glaube, das Buch ist in erster Linie ein Buch für den Mann. Ein jeder sollte es lesen. Ich bin mir sicher: über vieles wird er sich wundern.

In tiefer Verneigung
Linda L.

 

Simone de Beauvoir:
Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau                                            
Verlag: rororo

Ebenfalls in dieser Serie erschienen: "Schoßgebete" von Charlotte Roche

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