Briefe an den Cowboy. (Heute: Hier)

Titelbild

Die letzten Nächte haben wir zusammen verbracht.
Zumindest in meinen Träumen.
Klingt kitschig? Ist es nicht.
Aber sehr verwirrend, nach dem Aufwachen noch deine Worte im Ohr zu haben,
die du niemals gesagt hast.
Wir sind zusammen durch die Prärie geritten, du hast „howdy!“ gerufen und ich habe gelacht.
Und mein langes, blondes Haar flatterte im Wind.
Als dir der Cowboyhut vom Kopf fiel, bin ich aufgewacht.
Und du hast nach Handcreme gefragt.

Ich schlafe gerade sehr gut, das möchte ich hier und heute feststellen.
„Hier“ ist ein 2 Meter breites Bett, mit einer unfassbar 3 Meter breiten Bettdecke,
in einem Doppelzimmer,
dass wiederum sonnig und ruhig ist,
mit einem Park vor der Tür und Kirchenglocken,
natürlich in einem 4 Sterne Hotel
(für läppische 151 Euro die Nacht),
da lass ich mich nicht lumpen.
Für 3 Wochen bin ich Besitzerin eines riesigen Flachbildschirmfernsehers und einer Badewanne,
darf mich jeden Morgen an einem Frühstücksbuffet bedienen,
mir an einem Automaten (im Flur) Eiswürfel ziehen,
die Sauna benutzen
und mein „please, do not disturb“ Schild so lange an meine Türklinke hängen, bis mich das Zimmermädchen besorgt fragt, ob ich nicht endlich mal ein neues Handtuch bräuchte.
(„Nein, danke. 4 in einer Woche sind völlig ausreichend.“)
Außerdem hätte ich die Möglichkeit meine Unterhosen für 2 Euro das Stück reinigen zu lassen (aber das nur nebenbei) und ich darf ganz offiziell Besuch einladen,
so oft ich möchte.

Stichwort für das unvergleichliche Plattenscratchgeräusch:

Ich bin in Bochum.

Und somit wird es beim Träumen bleiben.
Denn die Tiefgarage hier ist leider nur für motorisierte Pferdestärken.
Und wo solltest du dann dein Pony so lange abstellen?

Übrigens habe ich hier einen echten Berliner kennengelernt.
Nicht zu fassen, dass man für solche Ereignisse so weit reisen muss.
Dieser Berliner möchte -Trommelwirbel- auch ein Cowboy sein.
Das hab ich sofort begriffen.
Auch wegen der Cowboystiefel aus schlechtem Lederimitat.
(Aber zu einem richtigen Cowboydasein gehört ja zuerst einmal guter Geschmack,
is klar,
da fallen solcherlei Peinlichkeiten natürlich auf.)
Da ich mich hier eher unfreiwillig herumtreibe,
bin ich allerdings froh, ein vertrautes Cowboystiefelabsatzklackern zu vernehmen.
Fehlt mir nur noch die lange Blondhaarperücke, um genügend Aufmerksamkeit auf mich zu lenken.
Aber die treib ich hier schon noch auf...

Gestern hat sich der Möchtegerncowboy den Bart abgenommen und ich hab ihm gesagt, dass er nun nicht mehr richtig angezogen ist.
Da hat er gelacht.
Und ich habe an dich gedacht.
Heute Abend gehen wir in die Oper,
die Handlung wird in der Ankündigung so beschrieben:

„Eine junge Frau wartet am Bahnhof, wie schon gestern, wie vorgestern, wie jeden Tag, seit Jahren. Sie hat sich vor einigen Jahren unsterblich verliebt. Aber ihr Geliebter ist seitdem verschollen und so sitzt sie dort und wartet geduldig auf seine Rückkehr. Ihr Warten hat sie zunehmend der Welt entrückt und sie gilt der Welt als verrückt.
„Hanjo“ von Toshio Hosokawa ist ein Stück des „absichtlosen Wartens“ und ein Labyrinth unausgesprochener Träume, Wünsche und Projektionen, in dem sich die Protagonisten verlieren...“

Wo die Leute nur immer diese absurden Geschichten auftreiben...
Ohmann.

Apropos absurd:
Vor ein paar Tagen habe ich meine Kneipe des Jahres entdeckt.
Die gibt es hier schon seit 30 Jahren.
Ich habe Menschen gesehen, die aus dem bunten Potpourri der absurden Musikmischung Songs fischten und sie ganz ehrlich und unter Tränen leise, nur für sich, mitgesungen haben.
Da wäre ich fast vom Barhocker geplumpst vor Rührung.
Auch fröhlich saufende Utopisten waren anzutreffen.
Einer fragte mich: „Möchtest du mich kennenlernen?“
Und ich antwortete: „Nein danke, ich brauche Projektionsfläche.“

Das ist mein Stichwort.
Ich gehe ins Bett, träumen.
Falls es dich interessiert,
ich trage dabei dein Lieblingsshirt mit den Wolken.
Stell doch mal einen Horizont auf,
dann gäbe es einen dich zu belügen.

 

 

 

 

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