Helene.
Was bist Du?
Ein Phantom? Ein Kugelblitz? Ein Streichholz? Eine Holzpuppe? Oder gar ein Schatten?
Wer weiß das schon.
Innerhalb der letzten fünf Tage, durfte ich unter windenden Qualen miterleben, wie die sechzehnjährige Mifti von einem Drogenexzess in den nächsten schlitterte. Wohnhaft bei ihren Geschwistern, beschließt sie, die Schule nicht mehr zu besuchen und hangelt sich stattdessen von extremen Partys zu absurden Sexabenteuern. Die Mutter ist tot. Der Vater kulturschaffend. Mifti verliebt sich in Frauen, schläft mit Männern und hat seltsamerweise immer Geld für Drogen, Taxis und Hotel Ibis.
Und mehr passiert hier nicht. Das ist alles. Es ist wie bei einem Karussell, es dreht sich im rasenden Wind, gefangen in einer ständigen Wiederholung der Ereignisse.
Jawohl. In der Tat. Ich benötigte fünf ganze Tage und eine halbe Nacht, um mich durch Deinen wirren Kopf zu kämpfen, Helene.
Eines vorweg: Ich werde es nicht erwähnen. Mit keiner Silbe werde ich die Sache mit dem Plagiat ansprechen. Du kannst Dich also beruhigt zurücklehnen und Dir einen Marshmallow grillen.
Du musst wissen: Der kontinuierlich verwendete Jugendslang, macht es dem Leser nicht leichter! Ganz im Gegenteil. Traurig frage ich mich, ob wir wahrhaftig schon so tief gesunken sind. Mit jedem Satz starb ein Teil meines mühsam erarbeiteten ästhetischen Verständnisses für die deutsche Sprache.
Ein Wort verwendetest Du hierbei besonders gern. Immer wieder erblickte ich es in dem schleifenden Buchstabenchaos. Und als es mir irgendwann reichte, tat ich es. Ab Seite zweiundzwanzig bediente ich mich einer bitterbösen Dreistigkeit: Ich begann eine Strichliste zu führen! Stetes visuelles Ziel war nun das kleine Wörtchen 'scheiße' oder 'scheiß' - ausgenommen das Wort 'beschissen'. Im Verlauf des Buches entwickelte sich diese Tätigkeit zu einem kleinen Spiel und sieh' an, schon bald machte es mir Spaß.
Was in deinem Werk fehlt, ist ein roter Faden. Gut. Vielleicht hast Du es so gewollt. Doch diese Fragmente von Miftis Tagebuchaufzeichnungen erscheinen sprunghaft, vergleichbar mit dem Gefühl zu viel Alkohol getrunken zu haben und nun nicht mehr zu wissen, was man am Abend zuvor getan hat.
Seltsam. Ich wurde beim Lesen das Gefühl nicht los, einen erhöhten Grad an autobiografischen Material Deiner Person zu vernehmen, unabhängig davon, ob ich Dich kenne. Denn weißt Du, was mir passiert ist? Bezeichne es als 'verrückt', doch ich hatte beim Lesen stets dein Gesicht vor Augen. Ich war nicht in der Lage, die Protagonistin mit einer anderen Person zu assoziieren, als mit Dir! Gleichsam aber erscheinen die Handlungen härter als die Realität. Keine Frage, es ist interessant, was Du, Helene, für, und nun verüble mir nicht das folgende Adjektiv, kaputte Gedanken haben kannst. Alles, was ich aus dieser beschriebenen Jugend entnehmen kann, ist Trotz, Abgebrühtheit und eine erschreckende Portion selbstzerstörerische Gewalt. Irgendwann schmerzte mein Kopf. Die Worte stolperten nur noch dahin. Verzweifelt suchte ich die geliebte Poesie und finde sie einzigst im folgenden einsamen Satz:
"Mein Opa, der mit seinem Cordhütchen heimlich auf einen Spielplatz geht, um dort mit
geschlossenen Augen zu schaukeln."
Zugegeben: Ab und an huschte mir das ein oder andere Lächeln über das Gesicht.
Frühestens wenn Du schreibst:
"Karl Marx hatte immer Furunkel am Arsch und hat sich die dann grundsätzlich aufschneiden lassen..."
Ein Lob auch für den Begriff 'Gelantinevollmilchschokoladenbrei'. Da versteckt sich Potenzial! Und ich glaube auch, dass Du ein intelligenter Mensch bist, Helene.
Den hinreichenden Beweis habe ich unterwegs auf den Pfaden des Subjektiven entdeckt:
"Aus dem sternenübersäten Himmel regnet es heißen Teer, der mir vergegenwärtigt, dass ich auf dem untersten Level der Desillusion angekommen bin und sich deswegen keine Chance mehr auf eine heilsame Wendung zum Exzess vor mir auftun wird."
Schlägt man im Lexikon nach, erfährt man, dass Axolotl nie richtig erwachsen werden. Dass dies eine Metapher ist, steht außer Frage. Fest steht im Nachhinein, dass Du jene Metapher gekonnt gewählt hast.
Wie oft nun schätzt Du, hast Du die Wörter 'scheiß' und 'scheiße' [auch als zusammenhängende Wortverbindungen] ab Seite zweiundzwanzig verwendet?
Ich kann Dir eines sagen: 181 Striche befinden sich auf meinem karierten Blatt Papier. Meinetwegen habe ich mich hin und wieder verzählt. Viel ist es trotzdem. Aber das mit der 'wurstfarbenen Frühsommerscheiße' finde ich gut.
'Axolotl Roadkill' ist gewiss keine Sonntagsliteratur im farbigen Anzug.
Vielleicht muss man an einem Montagmittag betrunken sein, um das Werk in seiner vollen Intensität zu verstehen.
Vielleicht muss man eine stinkende Heroinjugend hinter dem Hauptbahnhof verbracht haben.
Aber Helene, weißt Du, was ich tatsächlich glaube? Ich glaube, man darf Deinen Roman gar nicht verstehen. Und das ist keinesfalls als eine negative Aussage zu bezeichnen. Solange man noch erschrecken kann, ist die Welt noch nicht verloren. Man denkt sich: 'So nicht.'
Das ist beinahe, wie bei Brecht, aber dies ist eine andere Geschichte.
Es grüßt eine verwundete Linda L.

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