Ausstellung Keine Zeit Oder: „Bitte gehen Sie jetzt.“

Titelbild

Wir haben keine Zeit. Wenn, dann ist sie immer knapp bemessen. Und zurückdrehen kann man sie auch nicht. So kam es, dass die Verbindung von schlechtem Zeitmanagement und unzuverlässiger BVG der Autorin einen Strich durch die Rechnung machten, als sie versuchte, die Ausstellung „Keine Zeit. Phänomene der Zeit – Zeit Phänomene“  rechtzeitig zu erreichen.  Was sich im Anschluss ereignete, sei an dieser Stelle als gekürztes Gedächtnisprotokoll wiedergegeben:

Ein regnerischer Abend. Die Autorin klingelt an der Tür der G.A.S. Station, um Eintritt in deren aktuelle Ausstellung zu erhalten. Durch's Glas sieht sie ein paar Bilder, Videoarbeiten, eine riesige Kirchturmglocke. Die Galerie wird in 15 Minuten schließen.  Der Galerist öffnet die Tür.

Autorin: „Eine Viertelstunde habe ich noch, oder?“
Galerist (lässt sie herein): „Ja… irgendein besonderes Anliegen?“
Autorin (greift sich Flyer und Infomaterial): „Ich schreibe für ein Kultur Onlinemagazin und würde mir erst gern die Ausstellung anschauen. Dann komme ich noch einmal auf Sie zu.“
Galerist: „Da sind Sie etwas spät dran. Sie wollen jetzt hier einfach schnell durchrauschen und dann irgendetwas schreiben. Das finde ich nicht gut.“
Autorin (stockend und nach Erklärungen suchend): „Ja, das verstehe ich, es ist später geworden als ich wollte. Nun, ich würde dann wohl morgen noch einmal wiederkommen. Aber erst einmal schaue ich mich um..?“
Galerist: „Genau darum geht es in der Ausstellung. Wir verhandeln diese Themen hier. In der Ausstellung stecken viel Arbeit, Zeit und Geld. Deswegen können Sie hier nicht einfach auf die Schnelle vorbeikommen und irgendwas schreiben.“
Autorin: „Können schon. Aber das habe ich ja gar nicht vor.“
Galerist: „Nein können Sie nicht. Ich schaue ja genau danach, wer hier reinkommt und was die Leute hier wollen. Das ist schließlich meine Ausstellung.“
Autorin (nun leicht empört): „Wie gesagt würde ich morgen wiederkommen.“
Galerist (unterkühlt): „Vielleicht habe ich dann keine Zeit. Wenn Sie jetzt nur kurz schauen wollen, wäre es mir lieber, Sie gehen jetzt.“
Autorin: „Heißt das, Sie schmeißen mich raus!?“
Galerist: „Ja. Und das Infomaterial geben Sie mir bitte auch zurück.“

In den darauffolgenden Stunden führt die Autorin aufgebrachte (zumeist innere) Zwiegespräche: Darüber, wie paradox es ist, dass dieser Ausstellungsbesuch an Zeitknappheit scheiterte. Darüber, wie unverfroren, ja unfreundlich der Galerist gewesen ist. Darüber, ob sie morgen noch einmal wiederkommen wird.

Jedes Ding hat seine Zeit, sagt man. Eine Ausstellung, die sich mit solchen Phänomenen explizit auseinandersetzt, sollte man sich zweifelsohne in Ruhe anschauen. Um zu sehen und zu hören, um zu fragen und sich zu wundern, um bestenfalls zu verstehen. Insofern hatte der Galerist also Recht. Wenn Zeitknappheit aber genau das ist, worunter wir alle stöhnen, sollte man eine Viertelstunde dann ungenutzt lassen? Wären die Betrachtung von zwei ausgewählten Arbeiten und ein paar fruchtbare Anmerkungen des Galeristen, die Lust auf mehr machen, nicht sinnvoller gewesen? Sollte ein Ausstellungsmacher nicht auch Kunstvermittler sein, anstelle von Torwächter?
Das angespannte Gespräch, insbesondere die Einforderung des Informationsmaterials haben die Autorin nicht zu einem erneuten Besuch bewegen können. Sehenswert ist die Ausstellung  vermutlich trotzdem. Für diejenigen, die genug Zeit mitbringen.

Keine Z E I T
Zeitphänomene. Phänomene der Zeit


G.A.S - station
Tempelherrenstrasse 22
10961 Berlin
8.10.2011 - 4.02.2012
Öffnungszeiten: Di-Fr 14-19 Uhr / Sa 14-17 Uhr
http://www.2gas-station.net


Abbildung:
http://www.2gas-station.net

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